Dienstag , 29. September 2020
Einen hohen Pflege- und Erhaltungsaufwand erfordern die Lüneburger Friedhöfe. Politik und Verwaltung streiten darüber, wie eine Gebührenerhöhung vermieden werden kann. Foto: be

Kostenfalle Friedhof

Lüneburg. Neun Friedhöfe hat die Stadt – und ein großes Problem: Jahr für Jahr laufen die Kosten für den Unterhalt der Ruhestätten aus dem Ruder, rund eine Mill ion Euro sind bereits an Defiziten aufgelaufen. Weitere Verluste von jährlich mehr als 100 000 Euro sind vorprogrammiert, wenn nicht endlich etwas geschieht. Doch anders als die Verwaltung wollen große Teile der Politik von einer Gebührenerhöhung nichts wissen.

1,47 Millionen Euro hat die Stadt im Jahr 2016 für den Erhalt und die Pflege ihrer neun Friedhöfe ausgegeben, aber nur 1,36 Millionen Euro Einnahmen erzielt. Dass sich daran auch in absehbarer Zeit nicht viel ändern wird, wurde im jüngsten Umweltausschuss deutlich. Denn das Verhältnis von Beisetzungen auf den Lüneburger Friedhöfen und den tatsächlichen Sterbefällen in der Stadt ist seit Jahren im Ungleichgewicht: Nur noch rund die Hälfte der Angehörigen lassen ihre Toten auf städtischen Friedhöfen beisetzen, von 975 Verstorbenen im Jahr 2016 waren es lediglich 480.

Grüne: Mehr Transparenz bei den Kosten

Einen Ausweg aus dieser Misere sieht die Verwaltung auf zweierlei Weise: durch Reduzierung des Pflege- und Erhaltungsaufwands und durch die Erhöhung der Gebühren. So sollen künftig keine neuen Grabfelder mehr geschaffen, stattdessen bestehende Lücken geschlossen, Wege reduziert und Pflegearbeiten an Unternehmen abgegeben werden. Sogar eine Umwidmung nicht mehr benötigter Teilflächen für eine künftige Bebauung komme in Frage. Doch weil all das allein nicht reicht, schlägt das Rathaus zugleich eine Erhöhung der Friedhofsgebühren vor – die aber der Wirtschaftsausschuss bereits ablehnte (LZ berichtete).

Und auch im Umweltausschuss kam die Gebührenerhöhung nicht gut an. „Stattdessen sollte der Blick mehr auf Einsparungen bei den Kosten gerichtet werden“, sagte Rainer Mencke (CDU) und schlug Optimierungen bei gärtnerischen Vorarbeiten, aber auch das Einholen von Fördermitteln vor. Seinen Hinweis, die Gebühren seien viel höher als im Umland, ließ Oberbürgermeister Ulrich Mädge nicht gelten: „Sie können Lüneburg nicht mit Adendorf vergleichen.“

Der Trend geht zu „All-Inclusive-Gräbern“

Mehr Transparenz bei den Kosten forderten die Grünen. „Wir haben 42 Kilometer Wege, was wird dort gemacht?“, wollte Ralf Gros wissen, Ulrich Blanck bat um konkrete Angaben zur Entwicklung der Grablaufzeiten. „Wir haben die Situation dargelegt, wenn Sie mehr Daten wollen, können Sie ja Akteneinsicht beantragen“, blockte Mädge ab.

Hans-Georg Grzenia, bei der Stadt zuständig für die Friedhöfe, erinnerte an den „enormen Mentalitätswechsel“. Der Trend gehe zu „All-inclusive-Gräbern“, gleichzeitig werde erwartet, dass die Grünanlagen top gepflegt sind. „Das Anspruchsdenken bei den Hinterbliebenen erfordert einen hohen Arbeitsaufwand“, sagte Grzenia.

Unterstützung bekam der Oberbürgermeister von Stefan Minks (SPD), der sich auch gegen das Misstrauen gegenüber der Verwaltung wandte: „Dort sind 21 Mitarbeiter tätig. Welchen Weg sie wie pflegen, ist mir egal.“ Er sprach sich dafür aus, die Erhöhung „möglichst bald“ zu beschließen.

Monika von Haaren (Grüne) wiederum regte die Entwicklung eines Marketingkonzepts in Richtung Erlebnis-Friedhof an, „auch sollten wir darüber nachdenken, Bestattungen mit Haustieren zuzulassen“. „Gefährlich und kontraproduktiv“ wiederum nannte Nabu-Vertreter Thomas Mitschke die Gebührenerhöhung, vielmehr gelte es, „Kunden wieder nach Lüneburg zu holen“.

Bei der Verwaltung fielen die Appelle allerdings auf wenig fruchtbaren Boden. „Sie werden nicht hundert Bestattungen mehr haben, nur weil Sie Hunde erlauben“, sagte Mädge.

Keine Verkleinerungen oder Schließungen

Kosten seien wirksam nur zu senken, wenn Friedhöfe verkleinert oder ganz geschlossen würden, „doch das halten wir politisch nicht durch“. Und auch die „soziale Verantwortung“, die Andrea Amri-Henkel von den Linken einforderte und sich damit gegen eine Gebührenerhöhung aussprach, ließ der Oberbürgermeister nicht gelten: „Die 250 000 Euro, die von der Stadt für Sozialbestattungen übernommen werden, sind hierin nicht enthalten.“

Ob Mädges Vorschlag, zumindest einer Gebührenerhöhung für das Auffangen eines Teildefizits von 60 000 Euro zuzustimmen, angenommen wird, entscheidet der Rat im April.

Von Ulf Stüwe

Daten und Fakten

Lüneburgs Friedhöfe:
Lüneburg hat neun Friedhöfe (in Klammern die Anzahl der Grabstellen):
Zentralfriedhof (15 000), Waldfriedhof (20 000), Michaelisfriedhof (7000), Friedhof Nordwest (2000), Friedhof Oedeme (1000), Friedhof Rettmer (500), Friedhof Häcklingen (1000), Jüdischer Friedhof, Ehrenfriedhof Tiergarten.

Gesamtfläche: 48,2 Hektar
Grabstellen gesamt: 46 500
Wegelängen gesamt: 42 Kilometer