Freitag , 30. Oktober 2020
Wenn er wählen kann, pickt sich Jan Phillip Lehmker die roten Gummibärchen heraus, denn die sprechen ihn farblich besonders an. Farbe und Konsistenz sind beim Essen für ihn entscheidend, denn der 25-Jährige kann weder riechen noch schmecken. Foto: t&w

Geschmacklos, aber glücklich

Lüneburg. Pupsen oder Mundgeruch sind für Jan Phillip Lehmker keine Tabu-Themen. Sie stören ihn nicht. Ebenso wenig können ihn aber ein neues Parfum oder ein aufwendig gekochtes Dinner in Entzücken versetzen. Der 25-Jährige kann weder schmecken noch riechen und das, so sagt er, „von Geburt an“. Er vermisse daher nichts, erzählt der freiberufliche Moderator und Pressesprecher, und trotzdem beschäftigten ihn seine fehlenden Sinne fast jeden Tag. Menschen fragen nach, wenn sie von seiner Behinderung erfahren. Und schon viele hätten ihn kurz darauf auf die Probe gestellt. Um zu erklären, wie sein Alltag ohne Geschmack und Gerüche aussieht, schreibt der Lüneburger jetzt einen Blog.

Der geschmackloseste Moderator Deutschlands

„Ich bin der geschmackloseste Moderator Deutschlands“, sagt Lehmker über sich selbst und grinst dabei. Seinen fehlenden Geruchs- und Geschmackssinn empfindet er nicht als Behinderung. Natürlich gäbe es Nachteile. „Wenn es beispielsweise brennt, rieche ich das nicht und merke es vielleicht zu spät. Oder wenn ich Lebensmittel esse, die nicht mehr genießbar sind. Das fällt mir nicht auf.“ Grundsätzlich überwiegen aber die Vorteile, findet Lehmker. Zum Beispiel: Schweißgeruch nach dem Sport in der Umkleidekabine – für Lehmker kein Problem.

Als die Sinnesbehinderung auffiel, war er bereits sechzehn Jahre alt. „Ganz schön spät, das sagen Viele. Aber als Kind denkt man ja nicht darüber nach“, so Lehmker. „Und wie alle anderen Kinder habe ich früher gesagt, dass mir Spinat nicht schmeckt, weil der so ecklig aussah. Ich habe mich angepasst.“ Dann saß er eines Abends im Norwegen-Urlaub mit seiner Mutter und seiner damaligen Freundin zusammen, die beiden stritten sich um die letzten weißen Gummibärchen in der Schale auf dem Tisch. „Ich dachte, die schmecken doch alle gleich, die haben doch nur für die Kinder verschiedene Farben“, erzählt er, doch in der gleichen Minute dämmerte es ihm: Eigentlich gilt das auch für alle anderen Lebensmittel.

Zwölf Monate lang von Arzt zu Arzt

„Ich habe dann eine echte Fress-Orgie gestartet. Ich habe alles in mich hinein gestopft, was ich finden konnte“, sagt er. Doch es sei dabei geblieben: alles schmeckte gleich. „Die anderen dachten erst, ich mache einen Scherz.“ Nach dem Urlaub seien seine Eltern dann mit ihm von Arzt zu Arzt gezogen, zwölf Monate lang, bis nach München sei er dafür gereist. „Ein Arzt sagte dann, es müsse wohl an einem angeborenen Gendefekt liegen“, berichtet Lehmker.

Dem Jugendlichen gefiel die Idee: „Ich dachte: Cool, irgendwie bin ich besonders.“ Mit der Zeit hätte er Macken entwickelt, denn natürlich seien Aussehen und Konsistenz von Essen für ihn umso entscheidender. „Ich bestelle mir zum Beispiel immer Gerichte, die rot sind, weil mir das gefällt. Außerdem mag ich weiche Sachen. Deshalb nehme ich meine Pizza immer zwei Minuten früher aus dem Ofen und kaufe das teure Toastbrot, das nicht so schnell trocken wird.“ Ansonsten gäbe er aber nicht viel Geld für Lebensmittel aus, erzählt Lehmker. „Ich schmecke ja sowie so nix.“

Aussehen und Konsistenz sind entscheidend

Laut der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (DGHNO) treten in Deutschland jedes Jahr bei circa 50 000 Menschen Störungen des Riech- und Schmecksinnes auf. Meist werden diese durch Erkrankungen, Verletzungen oder Medikamente ausgelöst. „Bei etwa einem von 8000 Menschen wird ein angeborenes Fehlen des Geruchssinnes beobachtet“, berichtet Prof. Thomas Hummel von der DGHNO. „Angeborene Störungen des Schmecksinnes gibt es aber eigentlich nicht. Sie sind, wenn es sie überhaupt gibt, extrem selten.“

Manchmal denke er darüber nach, wie es wäre, plötzlich riechen und schmecken zu können. „Vermutlich die totale Reizüberflutung“, glaubt Lehmker. Aus seinem Alltag mit zwei fehlenden Sinnen berichtet er auf seinem Blog „Sinnesgeschichten“ unter https://sinnesgeschichten.wordpress.com .

von Katja Grundmann