Sonntag , 25. Oktober 2020
1943 drückte Heiligenthals Bürgermeister dem damals 14 Jahre alten Hans Staacke eine Uniform in die Arme. Ab sofort war er Feuerwehrmann. Eine Ausbildung erhielt er nicht. (Foto: uk)

„Aber die Feuerwehr kriegt ihr nicht“

Heiligenthal. Das macht ihm so schnell keiner nach. Hans Staacke hat in seinen 88 Lebensjahren viele ehrenamtliche Posten bekleidet. Er war unter anderem Ortsvorsteher und Ratsmitglied. Am längsten aber engagiert sich der Heiligenthaler in der Feuerwehr seines Heimatdorfes – nämlich seit nunmehr 75 Jahren. „Das haben bislang nur drei oder vier Menschen im Landkreis Lüneburg geschafft“, sagte Kreisbrandmeister Torsten Hensel bei der Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Heiligenthal, bei der die Ehrung Staackes den Höhepunkt bildete. Der Geehrte selbst freute sich über die Goldene Ehrennadel, Urkunden und Geschenke. Viel mehr aber noch über die Tatsache, dass „seine“ Ortswehr immer noch besteht: „Das kann gerne so bleiben.“

Hinter Staackes seltenem Jubiläum steckt mehr als eine Geschichte über Vereinstreue. Es ist auch eine Geschichte über einen Teenager, der aus seiner heilen Welt jäh herausgerissen wird. Und eine Geschichte über die enge Verbundenheit zu eben dieser Welt, seinem Heimatdorf. Sie beginnt 1943: „Ich war gerade in Kirchgellersen konfirmiert worden“, erinnert sich Staacke genau. „Da stand der Bürgermeister Gathmann eines Tages bei uns auf dem Hof, den Arm voller Feuerwehruniformen.“ Der habe ihm die Kleidung überreicht mit dem Satz: „Jetzt müssen die Jungen ran.“ Damit war er ab sofort Feuerwehrmann. Keine Ausbildung, keine Einführung. Schließlich herrschte Krieg. „Die Feuerwehr bestand nur noch aus fünf bis sechs Alten“, sagt Staacke, „fast alle Männer im Dorf waren an der Front.“

Im April 1945 soll er Trümmer beseitigen

Vollkommen unvorbereitet trifft den 15-Jährigen dann auch sein erster richtiger Einsatz: Nach dem Bombenangriff auf Lüneburg im April 1945 soll er Trümmer beseitigen. Er steht im Roten Feld vor einem eingestürzten Haus: „Da waren Menschen verschüttet, zwei Frauen konnten wir lebend herausholen.“ Dann wird der Helfertrupp zum Bahnhof gerufen. Staacke weiß in dem Moment nicht, dass dort ein Gefangenentransport mit KZ-Häftlingen von alliierten Bombern getroffen wurde: „Ich sehe da einen brennenden Waggon und Menschen in gestreiften Anzügen, die in alle Richtungen laufen“, sagt er und kämpft mit den Tränen. Nichts danach hat sich so sehr ins Gedächtnis gebrannt. Nicht der große Heidebrand von 1975, nicht der Blitzeinschlag 1964 im elterlichen Hof, bei dem Familie und Feuerwehr durch beherztes Eingreifen einen größeren Brand des Reetdaches verhinderten.

Staacke wird 1978 zum Heiligenthaler Ortsbrandmeister ernannt und füllt das Amt bis 1991 aus. Mit der Gebietsreform 1974 hatte sein Heimatdorf die Eigenständigkeit verloren und war zum Ortsteil von Südergellersen geworden. Das konnte jemand wie er nicht gut finden. Er kämpfte nun auch politisch, als CDU-Mitglied im Gemeinderat, für seine Feuerwehr. Sein Motto: „Heiligenthal wolltet ihr unbedingt haben. Aber die Feuerwehr kriegt ihr nicht.“ Dass das gelungen ist, macht ihn immer noch stolz. Zugleich macht ihm die Entwicklung Sorgen: Junge Leute verlassen ausbildungsbedingt das Dorf, die Jugendfeuerwehr gibt es nicht mehr. „Ich hoffe, dass es weitergeht. Aber die Zukunft hängt ein bisschen am seidenen Faden.“

Von Ute Klingberg-Strunk