Freitag , 25. September 2020
Auf der Bahnstrecke Soltau-Lüneburg sollen bald 700 Meter lange Züge fahren. (Foto: t&w)

Ärger über kurze Nächte

Lüneburg. Die Bahnstrecke Soltau-Lüneburg existiert seit 1911. Doch seit Jahren lag sie quasi im Dornröschenschlaf. Züge waren dort seit 2004 kaum noch unterwegs. Inzwischen rollen dort wieder Güterzüge, derzeit testweise, ab Sommer sollen es täglich zwei Züge sein. Mit der überschaubaren Menge können sich die allermeisten Anwohner der Bahnstrecke wohl arrangieren. Allerdings fühlt sich mancher um den Schlaf gebracht. Denn morgens fährt der Zug in aller Herrgottsfrühe durch Oedeme und vorbei an Rettmer und Häcklingen. Ihrem Ärger darüber machten Bürger jetzt im Ortsrat Oedeme Luft.

Eigentümer der Bahnstrecke sind die Osthannoverschen Eisenbahnen (OHE). Deren Ingenieur Sebastian Schülke erläuterte in der Sitzung die aktuelle Entwicklung und die Rechtslage. Die Firma Schnellecke Logistics an der A7 in Soltau ist eines von vier Verpackungszentren für den Autohersteller Audi. „Das Unternehmen möchte Teile, die für den Export nach Übersee bestimmt sind, möglichst umweltfreundlich zum Hamburger Hafen befördern“, sagte Schülke. Deshalb setzt Schnellecke auf die Schiene statt auf die Straße, um pro Jahr zwischen 20 000 und 30 000 Container nach Hamburg zu bringen. Im November 2017 rollten die ersten Züge – ein Test. Bald sollen täglich rund 700 Meter lange Züge fahren. Morgens von Lüneburg nach Soltau, am frühen Abend in die andere Richtung, und zwar mindestens bis Ende 2020.

Feste Zeiten zum Be- und Entladen

Eine Anwohnerin aus dem Rosenkamp sagte: „Als wir gebaut haben, war eigentlich klar, dass die Strecke nicht genutzt wird.“ Ein anderer Anwohner klagte: „Seit da Züge fahren, ist bei uns um 4.45 Uhr die Nacht vorbei.“ Er wie auch andere Anwohner zeigten durchaus Verständnis, dass die Züge fahren, „aber doch bitte nicht vor 6 Uhr“. Schülke nannte die Gründe für den Zeitpunkt: Es gebe feste Zeiten zum Be- und Entladen im Hamburger Hafen sowie zum Rangieren am Bahnhof Soltau.

Außerdem seien tagsüber zwischen Lüneburg und Hamburg durch den Personenverkehr auf der Strecke die Ressourcen knapp. Die OHE dürfe die Nutzung nicht einschränken. Das sei allenfalls bei einer hohen Belastung der Anwohner möglich, die sei bei einem morgendlichen Güterzug und einem am frühen Abend nicht gegeben. Allerdings sollen die Güterzüge Anfang 2019 mit sogenannten Flüsterbremsen ausgestattet werden. Dadurch würden sie um etwa 50 Prozent leiser. Die Aussicht auf Lärmschutzwände oder Vergleichbares sei gering, denn es gebe einen Bestandsschutz. Theoretisch dürften die Züge sogar im Stundentakt fahren.

Das Pfeifen als Signal ist vorgeschrieben

Neben den reinen Fahrgeräuschen sorgt auch ein Pfeifton für kurze Nächte und Unmut einiger Anwohner, er ist morgens zwischen Rettmer und Häcklingen zu hören. Das Pfeifen als Signal aber sei vorgeschrieben, verdeutlichte Schülke. Und zwar deshalb, weil der betreffende Bahnübergang technisch nicht gesichert und zudem schlecht einsehbar sei. Soll das Pfeifen ein Ende haben, müsste der Bahnübergang beschrankt werden. Ds würde insgesamt etwa 250 000 Euro kosten, wovon die Stadt etwa 50 000 Euro aus eigener Kasse zahlen müsste. Oedemes Ortsbürgermeisterin Christel John (CDU) würde sich das schon aus Gründen der Sicherheit wünschen. Auch am Kunkelberg, wo eine Anwohner mehrfach spielende Kinder auf einer Wiese direkt an den Schienen beobachtet haben will und wo viele Kinder auf dem Weg zum Schulzentrum entlang gehen. Doch die Umsetzung würde wohl etwa drei Jahre dauern, auch weil Fördermittel dafür frühestens nächstes Jahr wieder beantragt werden können.

Lange Wartezeiten für Autos

Susanne Neuhaus (Grüne) begrüßt die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene – trotz des Lärms der Güterzüge: „Ich kenne das von früher, da fuhren jede Nacht Züge. Das hat mich nicht gestört.“ Auch Dr. Sabine Mahncke (SPD) sieht den Vorteil, dass weniger Lkw auf den Straßen unterwegs sind. „Und nach dem St.-Florians-Prinzip zu sagen, Güter auf die Schiene, aber bitte nicht bei uns, finde ich nicht fair.“ Der Erste Stadtrat Markus Moßmann kann die Forderung nach mehr Sicherheit an den Bahnübergängen gut nachvollziehen. Er gab aber auch zu bedenken, dass zum Beispiel bei einer Beschrankung an der Lüneburger Straße lange Wartezeiten für die Autos entstünden und dadurch viel Motorabgase ausgestoßen würden. Eine Entscheidung hinsichtlich der Forderung nach Schranken vertagte der Ausschuss bis zur nächsten Sitzung, Christel John hat zudem noch Hoffnung: „Vielleicht lässt sich ja auch noch was daran machen, dass die Züge morgens später fahren.“

Von Alexander Hempelmann