Sonntag , 27. September 2020
Zur 800-Jahr-Feier enthüllten die Bleckeder 2009 ein Denkmal von Fritz von dem Berge vor dem Rathaus der Elbestadt. (Foto: t&w)

Die wahre Geschichte des Fritz von dem Berge

Bleckede. In Bleckede gilt der Mann als Held. Er, so heißt es, hat die Elbe gezähmt und in ein neues Bett gezwungen, das Land mit Mut und Un beirrbarkeit vor Überschwemmung und Verwüstung bewahrt. 2009 setzte die Stadt ihm ein Denkmal, lebensgroß thront seine Bronzefigur seitdem vor dem Rathaus – Fritz von dem Berge, der legendäre Bleckeder Amtmann. Es ist ein mehr als 300 Jahre währender Mythos, mit dem der Lüneburger Karl-Heinz Rehbein nun aufräumen will. Denn seine jüngsten Forschungsergebnisse belegen: „Es war nicht Fritz von dem Berge, der den ersten großen Elbdurchstich wagte.“

Rehbein, im Hauptberuf Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt Lüneburg, betreibt schon seit Jahren Bleckeder Geschichtsforschung als Hobby, ist Mitbegründer des Kultur- und Heimatkreises Bleckede. Seine Großeltern lebten in der Elbestadt, der Großvater weckte sein Interesse an der Historie. „Opa, erzählst du mir mal ne Geschichte?“, fragte Rehbein. Und der Opa erzählte, mal Märchen, mal Geschichten aus Bleckede, von der Schifffahrt und der Elbe. Fritz von dem Berge kam darin nicht vor. „Der drängte sich erst durch eine Bleckeder Verwandte wie ein Störenfried in meine kindliche Phantasiewelt“, erzählt Rehbein.

Amtmann nicht für Kanal verantwortlich?

Irgendwann begann Rehbein dann selbst zu forschen und kann heute, mit Anfang 60, seine eigene Geschichte über den legendären Amtmann erzählen. Sie beginnt im Lüneburger Stadtarchiv und dem Hinweis der damaligen Leiterin, Dr. Uta Reinhardt: „Schauen Sie doch mal in diese Akte.“

Rehbein nahm die Akte und begann sie zu studieren, Hunderte Seiten, auf denen die Stadt Lüneburg die Verwaltung ihres 900 Meter langen Deichstücks bei Bleckede – und den Ablauf der Elb-Verlegung dokumentierte. Auch der genaue Zeitpunkt des Durchstichs ist damals festgehalten worden: Sommer 1590. Drei Jahre, bevor Fritz von dem Berge nach Bleckede kam.

Der neueste Forschungsstand

Am Mittwoch, 18. April, um 19.30 Uhr spricht Rehbein im Marcus-Heinemann-Saal des Museums Lüneburg (Eingang Wandrahmstraße 10) im Rahmen des Winterprogramms des Naturwissenschaftlichen Vereins Lüneburg in Kooperation mit dem Museumsverein Lüneburg über „Neues zu den beiden Elbdurchstichen unterhalb von Bleckede oder warum die Elbe hier seit mehr als 400 Jahren noch immer nach Norden fließt“.

Für Rehbein ist bewiesen: Es war nicht von dem Berge, der den schmalen Kanal hat graben lassen. „Verantwortlich war für das staatliche Großprojekt die Zentralverwaltung in Celle.“ Die Aufgabe des Amtmanns wurde vielmehr der 20 Jahre währende Kampf, die Elbe in ihrem neuen Bett zu halten. „Das heißt, auch von dem Berge hat seinen Anteil an der erfolgreichen Verlegung des Flusses“, sagt Rehbein. „Allerdings einen anderen als bisher angenommen.“

Ein irrtümlicher Held

Die wahre Rolle des Amtmannes – das ist die eine regionalgeschichtliche Sensation. Die Tatsache, dass es noch einen zweiten, bisher unbekannten Elbdurchstich gegeben hat, ist die andere, die Rehbein aufgedeckt hat. „Meine Forschungen belegen, dass man ab 1624 zwischen Heisterbusch und Radegast einen zweiten Kanal plante und diesen vermutlich 1639 umgesetzt hat.“ Amtmann war damals Bernd Ludolf von Molzan, Neffe des 1623 verstorbenen von dem Berge.

An Bedeutung stehen sich die beiden Großprojekte aus heutiger Sicht in nichts nach, beide verhinderten eine Katastrophe. „Der Fluss hatte sich immer weiter nach Westen verlagert und drohte, die im 13. Jahrhundert zwischen Radegast und Bleckede errichtete Deichlinie zu durchbrechen“, berichtet Rehbein. Wäre der Ernstfall eingetreten, „hätte das die gesamte Bleckeder und Winsener Marsch verwüstet.“

Warum Fritz von dem Berge trotz dürftiger Quellenlage so lange als der Held galt, der die Elbe zähmte? „Weil man in Bleckede meinte, allein aus den Akten des ehemaligen Amts Bleckede ein korrektes Bild der Arbeiten für den Durchstich zeichnen zu können“, glaubt Rehbein. Ein Trugschluss, so viel steht für ihn fest. „Das beweisen die Unterlagen des Lüneburger Stadtarchivs.“

Von Anna Sprockhoff