Donnerstag , 1. Oktober 2020
Viktorija Volk (l.) und ihre Tochter Nathalie auf den Stufen des Landgerichts. (Foto: Archiv/phs)

Hat sie sich das Attest erschlichen?

Lüneburg. Äußerlich ist sie ganz ruhig und lässt sich nichts anmerken: Gelassen, fast stoisch sitzt Viktorija Volk neben ihren beiden Anwälten auf der Anklagebank im Lüneburger Landgericht, die Hände vor sich gefaltet auf der Tischkante. So gefasst hört sie auch zu, als der Vorsitzende Richter Kay Lange das Urteil des Soltauer Amtsgerichts verliest, das sie in dieser Berufungsverhandlung angreift – und so ruhig bleibt sie auch, als Lange sich schließlich an die 48-Jährige Soltauerin wendet. Ein-, zweimal sieht sie aus, als ob sie etwas sagen möchte, doch ihr Anwalt bremst sie schnell, legt ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm. Und so bleibt es bei einem Satz, den die Gymnasiallehrerin von ihrem Verteidiger Dr. Jonas Hennig vortragen lässt: „Ich bin unschuldig.“

Damit weist die Mathe- und Physiklehrerin den Vorwurf zurück, sich ein falsches Gesundheitszeugnis erschlichen und gebraucht zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht aber genau davon aus: Volk habe falsche Angaben gemacht, um das Attest zu bekommen, und dann im Januar 2016 ihre Tochter Nathalie zum RTL-Dschungelcamp nach Australien begleitet. Zuvor hatte sie vergeblich einen Antrag auf Sonderurlaub eingereicht. Die Beurlaubung der damals noch am Soltauer Gymnasium tätigen Pädagogin hatte die Landesschulbehörde abgelehnt, und auch ihr Schulleiter hatte das nicht befürwortet. Doch Viktorija Volk flog trotzdem. Der Schule übersandte sie eine ärztliche Bescheinigung, nach der sie vom 7. bis 29. Januar 2016 arbeitsunfähig sein sollte.

Dass sie sich die Krankschreibung erschlichen habe, bestreitet ihr Verteidiger vehement. Zu Prozessbeginn fordert er eine „mentale Klospülung“: Das Gericht sollte sich nicht von der „medialen Vorverurteilung“ beeindrucken lassen, sondern unvoreingenommen in die Verhandlung gehen. Es gehe nicht um moralische Fragen, nicht darum, ob es richtig gewesen sei, trotz Krankschreibung nach Australien zu fliegen. Allein die Frage, ob Viktorija Volk sich das Attest erschlichen habe, spiele vor Gericht eine Rolle – und das sei nicht der Fall.

Verteidiger will moralische Frage ausklammern

Das Soltauer Urteil sei ein Wuturteil, wertete er. „Unsere Mandantin ist eine rechtschaffene Mathematiklehrerin, die ihr ganzes Berufsleben engagiert in den Dienst ihrer Schüler gestellt hat. Sie nun im Lichte ihrer Erkrankung mit dem Vorwurf des Gebrauchs eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses zu überziehen, ist eine beispiellose Verkennung des ernstzunehmenden Krankheitsbildes einer Depression“, sagte der Verteidiger. Und die Reise? Es sei allgemein bekannt, dass bei einer akuten, im Arbeitsumfeld verursachten Depression ein erkrankter Patient zwar arbeitsunfähig, nicht jedoch reiseunfähig ist. „Anders als bei einer rein körperlichen Erkrankung können gerade ein Wechsel der Umgebung und auch der Kontakt zur Familie heilsame Wirkung haben“, sagte der Rechtsanwalt.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders, sie hat Viktorija Volk wegen des Gebrauchs unrichtiger Gesundheitszeugnisse angeklagt. Die Pädagogin hatte am 4. Januar 2016 zunächst ihren Soltauer Hausarzt aufgesucht und war für eine Woche krankgeschrieben worden. Am späten Nachmittag besuchte sie eine ­Nienburger Arztpraxis, wurde bis zum 29. Januar krankgeschrieben – den Zeitraum, in dem sie auch nach Australien flog. Beide Ärzte bestätigen vor dem Landgericht ihre damalige Einschätzung.

Tochter ist als Zeugin geladen – und schweigt auch

Beide Mediziner bezweifelten allerdings, dass eine Reise nach Australien in solch einem Zustand das Beste sei. Diese Reise sei bei beiden Praxisbesuchen kein Thema gewesen. Die Krankheit habe solch einem Vorhaben auch „zwingend entgegengestanden“, sagt die Nienburger Medizinerin. „Das passt nicht zusammen. Ein Patient mit solchen Symptomen ist weder reise- noch belastungsfähig.“

Nathalie Volk, einst Teilnehmerin bei der Heidi-Klum-Show „Germany’s Next Topmodel“, begleitete ihre Mutter gestern zum Prozess nach Lüneburg. Sie war als Zeugin geladen – und schwieg auch. Das Amtsgericht Soltau hatte die Mutter der 21-Jährigen in erster Instanz zu 9800 Euro Geldstrafe verurteilt, das entspricht 140 Tageseinkommen.

Die Landesschulbehörde hatte die Lehrerin zu Recht vorläufig vom Dienst suspendiert, entschieden am 9. Februar die Richter des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Lüneburg, anders als zuvor das Verwaltungsgericht. Noch am Tag der OVG-Entscheidung ist die Frau erneut vom Dienst suspendiert worden. Vor dem Amtsgericht wird es Ende Juni um eine endgültige Entlassung aus dem Beamtenverhältnis gehen, wie von der Landesschulbehörde angestrebt.

Von Andres Wulfes