Donnerstag , 1. Oktober 2020
Den Umstieg auf Busse und Bahnen möchte die Bundesregierung erreichen. Praktiker halten ein für Bürger kostenloses Angebot für nicht realistisch. Gerade zu Stoßzeiten müsste man mehr Fahrzeuge einsetzen, was zusätzliche Kosten bedeuten würde. (Foto: A/t&w)

Bruchlandung in der Wirklichkeit

Lüneburg. Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Bus- und Bahnfahren zum Nulltarif. Was sich die Unterhändler der Berliner Minister ausgedacht haben und nach einem Modellversuch gern aufs ganze Land übertragen möchten, löst bei Praktikern Kopfschütteln aus. Tenor: „Nicht zu bezahlen und in absehbarer Zeit nicht umsetzbar.“ Wie berichtet, ist die Idee gut gemeint: Bürger sollen das Auto stehenlassen, stattdessen den öffentlichen Personennahverkehr nutzen. Damit reagieren Unterhändler der Parteien auch auf eine drohende Klage der EU-Kommission, die will erreichen, dass Deutschland mehr für saubere Luft in den Städten unternimmt.

Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV), dem auch Stadt und Kreis angeschlossen sind, rechnet vor, dass nur um den Fahrscheinverkauf auszugleichen, Zuschüsse etwa im Wert der Elbphilharmonie nötig wären: 830 Millionen Euro. Pro Jahr.

KVG hält Pläne für „unrealistisch“

In Stade hält KVG-Chef Michael Fastert die Pläne schlicht für „unrealistisch“: Jemand müsse den Fahrpreis ausgleichen – zusätzlich zu den öffentlichen Subventionen. „Wer sollte das tun?“ Auch stoße man im Berufsverkehr bereits heute an Grenzen: „Wir sind ausgelastet. Wenn es kostenlos wird, werden die Fahrgastzahlen steigen.“ Man brauche mehr Busse und Personal – wenn man denn Mitarbeiter findet. Die KVG hat im Nordosten Niedersachsens 350 eigene und 150 angemietete Fahrzeuge auf den Straßen sowie rund 800 Mitarbeiter.

Fastert bezweifelt überdies, dass man die Autofahrer erreicht, die aus der Fläche zur Arbeit fahren: „Fußgänger und Radfahrer werden es nutzen.“ Das ergebe aber kaum einen positiven Effekt für die Umwelt.

Auch Landrat Manfred Nahrstedt hält nichts von den Berliner Gedankenspielen: „Mir fehlt der Glaube, dass das umzusetzen ist.“ Mit 7,6 Millionen Euro pro Jahr subventioniere der Kreis aktuell Busse, Fähren und Bürgerbusse. Komme ein kostenloses Angebot, müsse man es ausbauen, um eben auch die Fläche anzubinden: „Das kostet noch mehr.“

Kosten bleiben bei den Kommunen hängen

Nahrstedt treibt die Sorge um, dass es wie bei der kostenlosen Kinderbetreuung laufen könnte, Bund und Land versprechen etwas, ein großer Teil der Kosten bleibe am Ende bei den Kommunen hängen.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge sieht die Sache ähnlich: „Das ist eine schöne Idee, und wenn der Bund das flächendeckend bezahlen will und kann, freuen wir uns natürlich.“ Mädge verweist ebenfalls auf die Diskussion um wegfallende Elternbeiträge für Kitas. Es sei eben nicht sicher, dass die Kommunen den nötigen Ausgleich bekämen. Man müsse damit rechnen, dass ein kostenloses Busangebot mehr nachgefragt wird als das bestehende – steigende Kosten.

Zurzeit zahlt die Stadt an den Landkreis einen Zuschuss von gut 500 000 Euro, um den Stadtbusverkehr nach geforderten Standards aufrechtzuerhalten.

Neues Konzept für den Nahverkehr

Der Kreistag erteilte im Sommer 2016 den Auftrag für ein Integriertes Mobilitätskonzept. Danach gab es verschiedene Veranstaltungen, Bürger konnten Anregungen einbringen. Das Konzept soll die Grundlage des Nahverkehrsplanes bilden. Neben Bussen spielen auch mögliche Bahnverbindungen und das Fahrrad eine Rolle. So könnten an Haltestellen Radständer und Ladestationen für die Drahtesel entstehen. Eine weitere Idee ist der Rufbus: Er könnte Kunden aus abgelegenen Orten zu den Haupthaltestellen bringen. Als die Ideen im November vergangenen Jahres vorgestellt wurden, schätzten Planer die Kosten allein für diesen Ansatz auf 1,6 bis 2,5 Millionen Euro pro Jahr.

Im April soll eine Entwurfsfassung des Konzepts vorliegen. Dann stehen ein zweimonatiges Beteiligungsverfahren und dessen Auswertung an. Im September oder November könnte ein Beschluss des Kreistages stehen. Der Wirtschaftsausschuss diskutiert das Thema am Mittwoch, 21. Februar, im Haus der Kreisverwaltung.

Von Carlo Eggeling