Samstag , 19. September 2020
Ulrich Blanck, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Foto: A/be

Grünen fordern die Verhüllung des Ehrenmals

Lüneburg. Die Grünen haben einen Antrag zur Sitzung des Lüneburger Stadtrates am 15. März 2018 gestellt, um das Ehrenmal der 110. Infanteriedivision von 1960 im Anstiegsbereich der Wallanlage Springintgut/Am Graalwall zu verhüllen. Außerdem sollen die Tafeln der Friedensstiftung Günter Manzke in unmittelbarer Nähe entfernt werden.

In der Begründung heißt es: „Das Ehrenmal ist weder als solches noch als ein Gegenstand der Zeitgeschichte geeignet unkommentiert gezeigt zu werden. Die Tafeln der Friedensstiftung Günter Manzke in der unmittelbareren Nähe dienen dabei nicht in der seitens der Stadt angedachten Weise zur historischen Einordnung, sondern relativieren sogar noch das Geschehene“

Als Beispiel bringen die Grünen dieses Foto:

und erklären: „Das Bild zeigt nur ein Beispiel für die oft falsche und für die Betroffenen verständlicherweise unerträgliche Darstellungsweise der Friedensstiftung Günter Manzke. Durch das in An-und Abführung setzen des Wortes „Vernichtungskrieg“ und die damit verbundene und offensichtlich gewollte Relativierung des Vernichtungskrieges erweisen sich die Tafeln der Stiftung als nicht geeignet die Haltung der Stadt Lüneburg zum Ausdruck zu bringen“.

Bereits am Mittwoch hatte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Ratssitzung am 15. März 2018 einen Antrag gestellt, um folgende Erklärung zu beschließen:

Lüneburger Erklärung

Lüneburg bekennt sich erneut zur von den vorangegangenen Generationen übernommenen Verantwortung für seinen guten Ruf als einer immer moderneren, durch die Vielfalt seiner Bürgerinnen und Bürger geprägten Hansestadt, die sich bereits seit Jahrhunderten durch europäische Vernetzung und Offenheit gegenüber der Welt entwickelt und auszeichnet.

Die für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger verantwortlichen Vertreter im Rat stellen zusammen mit dem Oberbürgermeister fest, dass es für die Zukunft der Hansestadt erst recht in unserer Zeit keine bessere Gestaltungsalternative zu einer stetig modernisierten Offenheit gegenüber Europa und der Welt gibt. Entsprechend ist sich Lüneburg auch aus leidvollen Phasen seiner eigenen Geschichte bewusst, dass nationalistische Verengung, rassistische Irrwege, Extremismus jeder Schattierung und Ausrichtung sowie Abschottung gegenüber Menschen anderer Herkunft und deren Diskriminierung eine produktive und friedliche Entwicklung in allen Bereichen stören und so die Zukunftschancen der Stadt beschädigen. Daher lehnt Lüneburg im stolzen Bewusstsein seiner jahrhundertealten Stadtgeschichte derartige extremistische Manifestationen als schändliche und primitive Störungen und Gefährdungen eines friedlichen, vielfältigen und zukunftssichernden Zusammenlebens in der Hansestadt ab.

Dies gilt insbesondere, Jahrzehnte nach der totalitären Katastrophe von 1933 bis 1945, für schändliche Versuche von rechtsextremer Seite, die beispiellos verlustreiche gewaltpolitische Vergangenheit Deutschlands und deren Folgen mit grellen Scheinwerfern des Lügens und der medialen Manipulation „positiv“ zu beleuchten, die bis heute uns berührenden schrecklichen Folgen effekthaschend zu verdrehen, ja für diesen Zweck u.a. den Holocaust zu verhöhnen, zu relativieren oder zu verneinen.

Wir wollen als heute verantwortliche Vertreter der Stadt sicherstellen, dass auch die nächsten Generationen durch eine angemessene, den inzwischen vorliegenden Kenntnissen entsprechende Erinnerungskultur nachvollziehbar verstehen, wie es auch in Lüneburg im zunehmend totalitären Gleichschritt mit dem übrigen damaligen Deutschland zunächst zu einem totalen Verlust der inneren Freiheit in unserer Hansestadt kam. Wir wissen und verstehen heute zweifelsfrei, dass und warum es anschließend keine innerstaatlichen und gesellschaftlich ausreichenden Bremsen mehr gegen die Vorbereitung und anschließende brutale Durchführung eines deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges nach außen gab, der dann über fast sechs Jahre in immer mehr Ländern unseres Kontinents Frieden und Freiheit zerstörte und Menschen millionenfach vernichtete. Wir sind uns bewusst, dass ein Teil der von Deutschland für diese Verbrechen eingesetzten militärischen Verbände auch in Lüneburg aufgestellt wurde.

Für den Ruf von Lüneburg ist es vor diesem Hintergrund wichtig, dass sich die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger der historischen Verantwortung für eine angemessene Erinnerungskultur in übergreifender Gemeinsamkeit stellen. Die Einberufung eines „Forums Lüneburger Erinnerungskultur“ dient diesem Ziel. Niemand der heute für die Stadt Verantwortlichen ist verantwortlich für die damalige staatliche Verbrechenspolitik. Aber wir sind heute verantwortlich für den klaren Umgang mit dieser deutschen Vergangenheit und ihren bis heute spürbaren Folgen.

Damals verlor auch Lüneburg nach innen seine Freiheit und wurde so ebenfalls zum Instrument einer deutschen Gewaltpolitik nach innen und außen. Im Maße einer unangemessenen, unzureichenden Erinnerung hieran würde die damalige Unfreiheit noch heute nachwirken. Ihre kritische Offenlegung hingegen stärkt unsere heutige Freiheit, wie die jüngere deutsche Geschichte vielfach gezeigt hat, auch in unserer traditionsreichen Hansestadt. Lüneburg, vertreten durch den Rat und den Oberbürgermeister, ächtet daher im Namen seiner Bürgerinnen und Bürger mit dieser „Lüneburger Erklärung“ jeden extremistischen Versuch, durch Manipulationen, Lügen, Verleumdungen und Drohungen unsere Stadt und deren Freiheit bösartig zu beschädigen und ihren guten Ruf nach außen zu beschmutzen. Derartige verantwortungslose Kräfte, die sich derzeit unter anderem in den modernen Medien missbräuchlich verbreiten, müssen wissen, dass die Stadt Lüneburg diese Ächtung mit allen Mitteln des Rechtsstaates konsequent durchsetzen und jede extremistische Verhöhnung und Bedrohung mit allen zulässigen eigenen Ordnungsmitteln abwehren wird.