Freitag , 7. August 2020
Fotos von freilaufenden Wölfen werden auch in der Göhrde aufgenommen. Manche Fotografen stellen den Tieren gezielt nach. Doch das ist eine Straftat. (Foto: privat)

Auf den Spuren der „Wolfs-Paparazzi“

Dübbekold. Wer sucht, der findet sie im Internet. Bilder von Wölfen, aufgenommen in der Göhrde. Es sind nicht viele. In Deutschland und gerade in Lüchow-Dannenberg Wölfe in freier Wildbahn zu finden und zu fotografieren, ist schwierig. Und vor allem verboten. Nicht das Fotografieren, wer zufällig einem Wolf über den Weg läuft und eine Kamera dabei hat, darf draufhalten. Doch die Tiere gezielt aufzusuchen, ihnen nachzustellen, ist kein Kavaliersdelikt – es ist eine Straftat, bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen dem, der sich nicht an dieses Verbot hält.

Und doch gibt es einige Menschen, gibt es fanatische oder uninformierte Wolfsfreunde, die genau das tun: Wölfe gezielt aufsuchen. Und die damit nicht nur sich, sondern auch die Wölfe in Gefahr bringen. In Lebensgefahr.

Fotografen gehen im Tarnanzug auf Safari

Kenny Kenner ist Wolfsberater. In Dübbekold in der Göhrde betreiben er und seine Frau Barbara ein Hotel, „Kenners Landlust“, von dem aus regelmäßig geführte Wanderungen zu den Wölfen in der Göhrde stattfinden. „Ein geregelter Betrieb, wir gehen da hin, wo wir die Tiere nicht stören“, sagt Kenner. Ihm gehe es darum, zu informieren, und die Gäste, die mit ihm gehen, wollen informiert werden. „Diese Menschen sind es nicht, die uns Sorge bereiten“, sagt der großgewachsene Mann mit dem freundlichen Lächeln. Es sind andere, vor allem Fotografen, die sich mit Tarnanzügen und Teleobjektiven ausgerüstet auf Wolfs-Safari machen. „Die gehen dorthin, wo sie nicht sein dürfen“, sagt Kenner. Sie suchen gezielt nach den Wolfsbauten, wenn das Rudel Nachwuchs hat, oder ziehen zu den sogenannten Rendezvous-Plätzen, an denen die Wolfseltern ihre Welpen zurücklassen, wenn sie auf Jagd gehen. Manchmal betreut sie dort ein älteres Geschwistertier, oftmals aber auch nicht.

„Werden die Wölfe am Bau oder am Rendezvous-Platz gestört, kann das für die Welpen schlimme Folgen haben“, weiß Kenner. Die Eltern könnten fortgehen, wegbleiben, ihre Welpen im Stich lassen. „Wölfe verteidigen ihren Bau, gerade wenn Nachwuchs da ist – aber nicht gegen Menschen“, erklärt der Wolfsberater. Auch wenn die Tiere umziehen, sich also einen neuen Bau oder einen neuen Rendezvous-Platz, suchen, kann das für Welpen gefährlich sein: Sie können beim Umzug zurückbleiben, verloren gehen. „Und ohne Eltern sind die Welpen schutz- und hilflos. Sie sterben, verhungern, erfrieren, gehen elendig zugrunde. Oder sie werden Opfer anderer Raubtiere.“

Das ist eine der Gefahren, die den Wölfen droht, wenn ihnen selbsternannte Wolfsfreunde oder skrupellose Fotografen – Kenner nennt sie „Wolfs-Paparazzi“ – auf den Pelz rücken. Doch es gibt weitere, gefährlichere: „Wenn die Wölfe in Kontakt mit Menschen kommen, könnten sie sich an die Zweibeiner gewöhnen, könnten ihre Scheu verlieren, ihre angeborene Vorsicht ablegen. Sie könnten anfangen, die Nähe des Menschen zu suchen, und damit zu Problem-Wölfen werden“, erläutert Kenner: „Und da sind die Vorgaben ganz deutlich: Solche Wölfe werden entnommen.“ Erschossen.

Bewohner fürchten, dass Tiere angefüttert werden

So erging es Wolf MT 6, „Kurti“ genannt. Das Tier aus einem Rudel bei Munster hatte sich mehrfach Menschen genähert, angeblich auch einen angeleinten Hund angegriffen, und man beschloss, ihn zu erschießen, was am 27. April im Heidekreis geschah. „MT 6 war wohl in seiner Jugend mit Menschen in Kontakt gekommen, wurde vielleicht gefüttert“, berichtet Kenner. Das wurde ihm zum Verhängnis.

In der Göhrde befürchtet man, dass auch dort Fotografen oder andere Wolfsbegeisterte auf die Idee kommen könnten, Wölfe anzufüttern, um sie vor die Linse oder einfach in ihre Nähe zu bekommen. Und dagegen will man vorgehen. Doch das ist nicht so leicht, betont der Wolfsberater. Jeder dürfe sich im Wald frei bewegen, gerade die Göhrde sei „ein Besucherwald“, und es sei schwierig, nachzuweisen, dass jemand gezielt Wölfen nachstellt. „Einen Fotografen habe ich mehrfach erwischt und angesprochen. Doch er zeigte sich uneinsichtig, mittlerweile versteckt es sich, wenn er mich sieht, erzählt Kenner.

Dieser Fotograf sei „fast jeden Tag und oft morgens, mittags und abends im Wald“, doch bislang gebe es gegen ihn keine Handhabe. „Wir können keine Fotofallen aufstellen und ihn überführen, das ist verboten – aus Datenschutzgründen.“ Fotofallen, die zu wissenschaftlichen Zwecken in der Nähe der Wolfsplätze aufgehängt wurden, belegen aber, dass sich immer wieder Fotografen auch in der Göhrde den Wölfen nähern. „Derzeit können wir nur appellieren, die Tiere in Ruhe zu lassen“, sagt der Wolfsberater.

von Rouven Groß