Freitag , 25. September 2020
Am Ochtmisser Kirchsteig wird es oft eng, dicht an dicht schlängeln sich die Autos durch das Nadelöhr. Foto: behns

Die Umleitungs-Karawane

Lüneburg. Eigentlich ist es eine Routineangelegenheit, Andreas Meihsies macht ein Politikum daraus: Die AGL will am Ochtmisser Kirchsteig von Mittwoch bis Freitag, 7. bis 9. Februar, die Kanalisation sanieren. Dafür sperren die Bauarbeiter den 450 Meter langen Straßenzug zwischen dem Kreisel am Mönchsgarten und der Herderschule. Autofahrer müssen also ausweichen, vor allem über Mönchsgarten und Wienebüttler Weg sowie über die Schomakerstraße. Meihsies, ehemaliger Ratsherr der Grünen, wohnt am Kirchsteig, möchte wie andere Anwohner den Durchgangsverkehr aus der von Senkungen gebeutelten Straße verbannen. Die Baustelle könne doch genutzt werden, die ausweichenden Verkehrsmengen zu zählen. Doch im Rathaus heißt es: „Keine Veranlassung.“

Der Untergrund im Bereich der Straße und des Michaelisfriedhofs ist seit Jahren in Bewegung. In der Spitze hat die Erde an einem Punkt um 1,90 Meter nachgegeben. Nachbarn kämpfen mit immer schiefer stehenden Häusern, in manchen Gebäuden gibt es ein Gefälle von fast einem Meter. Anlieger fürchten, dass der Verkehr die Schäden noch verschlimmert. Um Erschütterungen zu vermeiden, dürfen Lastwagen die Straße nicht passieren, es gilt ein Tempolimit von 20 km/h.

Stadt will Umleitungsverkehr nicht zählen

Anwohner hatten bei einer Versammlung der Stadt im Spätsommer gefordert, die Straße zu sperren. Laut Stadt rollen im Durchschnitt 6350 Fahrzeuge über das umstrittene Stück. Oberbürgermeister Ulrich Mädge winkte beim Ortstermin Ende September ab: Autofahrer suchten sich naheliegenderweise andere Routen, dort betroffene Anlieger würden vor Gericht ziehen. Nicht anders liest sich die aktuelle Stellungnahme aus dem Rathaus: „Wir sehen keine Veranlassung, den Umleitungsverkehr zu zählen. Wir haben unsere bisherige Einschätzung bereits mehrfach dargelegt, dass der Verkehr in den umliegenden Straßen zunehmen würde und dass Klagen, die dann kämen, nicht zu gewinnen sind.“

Für Meihsies zieht sich die Stadt aus der Verantwortung: „Statt auf theoretische Werte und Prognosen zu setzen, hätte sie dann Klarheit, und es bräuchte keine Kaffeesatzleserei.“ Anwohner sehen bei der Verkehrsmenge neben anderem einen klaren Verursacher: die Herderschule. Eine Menge Eltern würden ihren Nachwuchs zum Unterricht fahren. „Jetzt sind Zeugnisferien“, sagte gestern ein Anlieger. „Ich habe gedacht, ich wohne in einer verkehrsberuhigten Zone.“

Kommentar: Das Prinzip St. Florian

Es gibt Erkenntnisse, die so sicher sind wie die Kindergarten-Weisheit „Wasser ist nass“. Klar, wenn eine Straße gesperrt wird, weicht der Verkehr aus. Was will man da zählen? Das nimmt man als Betroffener hin, weil man weiß, es dauert nur eine gewisse Zeit. Wenn man allerdings den Eindruck gewinnt, da will einer seine Last grundsätzlich abwälzen, kann man sauer werden. Eben so wirkt die Idee vom Ochtmisser Kirchsteig. Nachbarn sollen die Blech-Karawane hinnehmen. Auch bei Mönchsgarten gab es allerdings in den 90er-Jahren Probleme mit Senkungen, über Schomaker- und Van-der-Mölen-Straße rollen schon jetzt reichlich Autos. Die Zahl dürfte steigen, wenn am Brockwinkler Weg gebaut wird. Das St.-Florians-Prinzip funktioniert nicht. Schon gar nicht in einer wachsenden Stadt. Da sind andere Lösungen gefragt, die Fahrräder und Busse so attraktiv machen, dass man das Auto stehen lässt. Wenn man überhaupt eins hat. ca

von Carlo Eggeling