Donnerstag , 1. Oktober 2020
Ein Bild aus alten Galactica-Zeiten. Die bewegliche Lichtanlage gab es in dieser Form vermutlich nur dreimal in Deutschland. (Foto: A/be)

Das alte Fieber der Nacht

Lüneburg. Am Wochenende ging‘s in die Goseburg: 1979 ins Lenny‘s, vier Jahre später dann ins Galactica. Unter der Woche kreiste das Publikum in der Innenstadt: Lion‘s, Crato-Keller, Diggi Diner, Pferdestall. Lüneburgs Disco-Welt vor gut drei Jahrzehnten. Mittendrin als DJ: Junior André, der bürgerlich Claus-Dieter Haseloff heißt. Etwas später kam sein Halbbruder Oliver „Schnuffi“ Brackelmann dazu. Jetzt lassen die beiden gemeinsam mit den Veranstaltern Sven Mai und Martin Dietrich Lüneburgs alte Disco-Zeit wieder aufleben. „Flashback“ heißt es am Sonnabend, 3. Februar, um 21 Uhr in der Ritterakademie Am Springintgut.

Das „Galactica“. (Foto: Brackelmann)

Zumindest gefühlt war die Generation anders drauf. Statt gemütlich mit Freunden beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Abend zu Hause, ging man aus. „Man hat sich mit seiner Clique getroffen“, erinnert sich Sven Mai. Eben zum Tanzen. Während das Leben in den Clubs heute erst weit nach Mitternacht beginnt, radelte Mai freitags und sonnabends vom Kreideberg früh zur Disco: „Zwischen 20 und 21 Uhr musste man keinen Eintritt bezahlen.“ Man konnte wieder raus und später erneut einkehren, aber: „Ich bin dann geblieben.“ Biergarten, Pizzeria, ein kleiner Bach im Galactica: „Ein Tempel.“

Spielten die Charts der Zukunft

Es war auch ein Lebensgefühl. Auch für die 6000 Soldaten, die in der Garnisonsstadt lebten. Auch unter der Woche ging man weg, an den Stint oder eben in die Disco. Die Musik war neu. Junior erzählt: „Wir haben nicht die Charts gespielt.“ Besser: Er hat sie vorher gespielt. „Wir sind nach Holland gefahren und in einen Laden in Hamburg, um Import-Platten zum Beispiel aus den USA zu bekommen. Funk, Soul, High Energie, dann Italo. Das wurde im Radio erst ein halbes oder ein Jahr später zum Hit.“ Unvorstellbar in Zeiten, in denen YouTube und andere Dienste alles in Sekundenschnelle durch die Welt pusten.

Zurück in alte Zeiten: „Junior André“ Claus-Dieter Haseloff, Sven
Mai und Oliver „Schnuffi“ Brackelmann (v.l.) Mit Platten, die sie
vor gut 30 Jahren abgemischt haben. Und sie haben reichlich
davon: Allein bei Brackelmann drängen sich zu Hause von 6000
LPs. (Foto: ca)

Und dann das Licht. Der verstorbene Oliver „Otter“ Dornbusch und Schnuffi haben zu Hause mit Musik vom Kassettenrecorder überlegt, wie die Lichteffekte mit Scheinwerfern und Lasern wirken. Schnuffi Brackelmann sagt: „Wir haben Effekte mit Tasten und Reglern umgesetzt.“ Es war eine Show, die nachts um eins begann. Es wurde stockdunkel. Dann flammte das Licht auf. Die Lichtanlage konnte zudem in der Höhe hoch und runter gefahren werden – das Licht war wie ein Pulsschlag: „Das zog Leute; auf dem Parkplatz standen Wagen aus Hamburg, Lübeck, Hannover. Und ein paar aus Lüneburg.“ Knapp 2000 Leute tanzten zeitgleich durch die Nacht: „Der Durchlauf war noch höher.“ Man fuhr noch in andere Diskotheken.

Zeit der großen Discos ist vorbei

Junior lebte als DJ. Das war mehr als nur Platten aufzulegen. Der Name Galactica verpflichtet. Aus der Bühne fuhr ein Ufo nach oben. Dem entstieg Junior als Darth Vader: „Ich hatte mir das Kostüm in Amerika besorgt.“ Er nutzte Pyro-Technik: Fotos zeigen, wie aus den Ärmeln Feuerfontänen schießen: „Das kannst du heute gar nicht mehr machen. Tausend Vorschriften.“

Die Zeit der großen Discos ist vorbei. Lüneburg hat keine mehr. Fun und Lollipop haben geschlossen, das Vamos ist eine besondere Geschichte. Im Umland verschwanden Läden wie das Mic Mac in Moisburg.

Jetzt also eine Gedenkfeier in der Ritterakademie. Mit Musik vom Plattenteller, Effekten vom Light-Jockey, handgemacht. 430 Tickets hat das Quartett bereits bei der Veranstaltungskasse der LZ verkauft, es fehlt nicht mehr viel, und sie haben ihre Kosten eingespielt. Doch Gewinn sei nicht so wichtig. Den haben sie und ihre Gäste schon, weil es wie ein Ausflug in die Jugend ist. ca