Sonntag , 20. September 2020
Diese beiden Röhrchen befestigt der ehemalige Bürgermeister Andreas Meihsies heute an einem Laternenpfahl an der Scholze-Kreuzung. Sie messen die Dieselabgase. (Foto: t&w)

Abgas-Check an Scholze-Kreuzung

Lüneburg. In drei Metern Höhe wird Andreas Meihsies heute zwei fingergroße Röhrchen anbringen, er befestigt sie mit Kabelbindern an einem Laternenpfahl an der Scholze-Kreuzung. „In Spitzenzeiten sind hier bis 40 000 Autos unterwegs“, sagt der ehemalige Bürgermeister, der sich 30 Jahre lang aktiv bei den Grünen eingesetzt hat. Diese sogenannten Passivsammler wurden ihm von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zugeschickt, Lüneburg gehört zu den 500 Orten, die für eine Messung der Dieselabgase ausgewählt wurden. Meihsies hatte die Kreuzung Schießgrabenstraße/Lünertorstraße vorgeschlagen. Bis 1. März messen die beiden Röhrchen jetzt die Luftqualität.

Viel muss der 58-Jährige dafür nicht tun, lediglich zur Aktivierung die roten Kappen durch grüne ersetzen. „Diese sind luftdurchlässig, ziehen also die Partikel ein.“ Nach einem Monat muss Meihsies die beiden Behälter wieder abnehmen und zurückschicken, in einem Labor der DUH werden die Messungen dann ausgewertet.

Lüneburg hatte Glück, der Rücklauf der Aktion „Decke auf, wo Atmen krank macht“ war groß: Über 1600 Zuschriften haben die Umwelthilfe erreicht, weniger als ein Drittel der Orte sind nun dabei. Es geht darum, das amtliche Messnetz für das Dieselabgasgift NO2, das bisher 247 verkehrsnahe Messpunkte in Deutschland umfasst, auszubauen. Bewohner konnten ihre Heimat vorschlagen, in einem Formular angeben, warum speziell dort gemessen werden sollte, wie es um die Verkehrssituation und die Bebauung vor Ort steht.

Eine von vielen belasteten Kreuzungen am Stadtring

Der Hintergrund: In 90 deutschen Städten wurde 2016 laut Umweltbundesamt die Jahresmittelgrenze von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten. Eine Untersuchung in Niedersachsen hat gezeigt, dass nicht nur die sieben Städte mit Messstationen, sondern insgesamt 40 Städte und Kommunen Probleme mit dem Lungengift Stickstoffdioxid haben.
Andreas Meihsies hat sich bewusst für diesen Knotenpunkt entschieden. „Er steht für all die anderen hochbelasteten Kreuzungen am Stadtring.“ Die Luftbelastung ist eines seiner Herzblutthemen, es erfährt zurzeit vor allem aufgrund des Abgasskandals eine neue Dramatik. Für Meihsies war es bereits Jahrzehnte vor der Dieselproblematik relevant: „Eigentlich seit dem Tag, an dem Lüneburg den Titel ‚Kurheilbad‘ verloren hat, weil die Feinstaubbelastung im Kurpark so immens hoch war.“ Seitdem gibt es auch die Forderung, eine Messstation in der Innenstadt einzurichten. Bislang gibt es eine solche nur weit draußen im Lüneburger Hafen. „Dafür hat bislang der politische Wille gefehlt.“

Ein besseres Busangebot als Maßnahme?

Die Ergebnisse für die jeweiligen Städte sollen Mitte März vorliegen. „Die Hoffnung ist, dass sich daraus Forderungen zum Gesundheitsschutz ableiten lassen“, sagt Meihsies, der in seiner Heimat auf gute Umstiegsangebote hofft. Das Radwegekonzept, das derzeit überarbeitet werde, sei erfreulich, ebenso der Nahverkehrsplan. „Das Busangebot in die Stadt sollte bis spät in die Abendstunden ausgeweitet werden, damit auch mal ein Theaterbesuch möglich ist.“ Der Trend zum Zweit- oder Drittauto sei nach wie vor ungebrochen, gute Alternativen seien seit Jahren überfällig.

▶ Mehr Informationen zu dem Projekt der DUH unter www.duh.de/abgasalarm. Bald soll dort auch eine interaktive Karte, die die einzelne Orte auflistet, zu finden sein.

Studie der Umweltagentur

Jedes Jahr sterben 400 000 Menschen in der EU vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung, viele leiden unter Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen. Aus einer Studie der Europäischen Umweltagentur geht hervor, dass in Deutschland jährlich 66 000 vorzeitige Todesfälle allein durch zu hohe Feinstaubbelastung verzeichnet werden. Dazu sagt die Wendländerin Rebecca Harms, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im EU-Parlament: „Die Mitgliedsstaaten müssen endlich beweisen, dass sie Maßnahmen ergreifen, um die Luft – und damit auch die Lebensqualität in den Städten entscheidend zu verbessern.“

Von Anna Paarmann