Mittwoch , 28. Oktober 2020
Die Studenten Canan Duran (v.l.) und Benedikt Suhr bringen Julika Springer, John Grönecke, Abby Celia Mattern und Mattis Schröder Poetry Slam näher. (Foto: t&w)

Wenn Schüler losschreien sollen

Lüneburg. Benedikt Suhr steht mitten im Klassenzimmer und streckt seine Arme in die Höhe. Dann berührt er den Fußboden, atmet mehrmals tief durch. „Kreist Eure Arme und Hüfte, lockert Euren Körper“, fordert der 21-jährige Student die sieben Schüler auf, die in Reih und Glied vor ihm stehen. Es ist keine Gymnastik-Stunde, es sind Vorbereitungsübungen für einen Poetry Slam. 20 Studenten betreuen im Rahmen eines Seminars vier Klassen der Wilhelm-Raabe-Schule, in vier Doppelstunden sollen sie den Schülern beibringen, eigene kreative Texte zu schreiben und sie authentisch vor der Klasse vorzutragen. Höhepunkt bildet ein Slam-Event morgen, Mittwoch, in der Aula.

In Gruppen haben sich die Neuntklässler mit den Themen Drogen und Alkohol, Zukunftsvisionen und Sexualität auseinandergesetzt. Sie wurden aufgefordert, ihre Gedanken dazu auf Papier zu bringen. Jeder Schüler sollte sich mit zwei, drei Sätzen an einem Poetry Slam beteiligen. Auch über Inspirationsfindung, die richtige Stimmlage, Mimik, Gestik und Präsentationsformen haben sie mehr erfahren.

Gedanken über das Schwulsein

Denn darauf kommt es bei diesem Wettstreit der Poesie an, selbstgeschriebene Texte sollen innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Um das Selbstbewusstsein, das dafür nötig ist, erstmal aufzubauen, durften die Schüler zunächst ganz leise vorsprechen, im nächsten Anlauf ihre Texte ins Klassenzimmer schreien. „Und jetzt stellt Euch vor, dass Ihr mit Eurem Partner oder der vertrautesten Person in Eurem Leben sprecht“, fordert Canan Duran (28) die Jugendlichen auf. „Zeigt Gefühle!“

Das Ergebnis der Gruppe, die sich mit dem Thema Sexualität beschäftigt hatte, war beeindruckend. „Es fällt mir jeden Tag schwerer, normal zu sein“, teilte ein Schüler seine Gedanken mit. Eine Neuntklässlerin hatte übers Schwulsein geschrieben, gefragt, warum das Leben für diejenigen schwerer sein müsse, warum man nicht einfach sein Leben leben könne. „Sex gehört zu einer guten Beziehung dazu, aber man sollte sich niemals dazu gezwungen fühlen“, war etwas weiter zu hören. Am Ende stand ein Poetry Slam aus acht Teilen, jeder hatte einen Beitrag geleistet.

Zufrieden zeigte sich auch Jan Teichmüller, er leitet das Seminar mit dem Titel „Fack ju Göhte – Durch Poetry Slam Jugendliche für Sprache und Literatur begeistern“. Er hat das Angebot geschaffen, weil er selbst als Student an einem solchen Projekt teilnehmen durfte. „Das ist also eine Art Wiederbelebung“, sagt er. „Die Kreativität wird gefördert, die Schüler lernen Vortragstechniken, trauen sich auf die Bühne.“ Das Poetry-Slammen sei eine Möglichkeit, die eigene Meinung kundzutun. „Es ist vor allem in dem Alter wichtig, sich über sich selbst und seine Welt Gedanken zu machen.“

Ein Gefühl von Freiheit

Keiner der Schüler hatte bislang von Poetry Slam gehört, die meisten möchten jetzt in ihrer Freizeit an das Erlernte anknüpfen. John Grönecke (14) hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, aufzuschreiben, was ihm in den Sinn kommt. „Egal, wo ich bin, mir fallen andauernd Sachen ein. Ich bin gern kreativ.“ Ähnlich begeistert war Abby Celia Mattern (14): „Man fühlt sich frei, das macht echt Spaß“.

Von Anna Paarmann