Freitag , 2. Oktober 2020
Stück für Stück wurden die Linden zerlegt. Die Stadt hatte sie in ihrer Baumfäll-Liste als „absterbend“ klassifiziert. Foto: t&w

Kerngesund oder dem Tod geweiht?

Lüneburg. „Absterbend“ steht in der mehrseitigen Liste neben fünf Linden, die an der Uelzener Straße stehen und in diesen Tagen gefällt werden. Die Stadt setzt um, was sie im Dezember mit der aktuellen Baumfäll-Liste angekündigt hat: 250 Bäume müssen weg, die meisten wegen Krankheit oder Alter. Doch die Fällungen in der Straße am Kurpark stoßen auf Kritik. „Die Bäume sind kerngesund“, sagt Anwohner Dr. Erik Dorff. 40 Jahre hat er für die Niedersächsischen Landesforsten gearbeitet, „von Bäumen verstehe ich ein wenig“.

Kritisch mustert Dorff den Baumstumpf vor seinem Haus, seine Aufmerksamkeit gilt vor allem der frischen Schnittfläche. Es ist die dritte Linde, die von Mitarbeitern der AGL fachgerecht Stück für Stück zerlegt wurde, und der dritte von fünf Bäumen, die an dieser Stelle gefällt werden sollen, aus Sicht des Forstexperten aber „kerngesund“ sind. „Es ist für mich unverständlich, dass sie als absterbend bezeichnet wurden“, sagt der frühere Forstbeamte, „am Stamm der gefällten Bäume ist kein Krankheitsbild erkennbar.“ Aber auch in der Krone der noch verbliebenen zwei Bäume deute nichts darauf hin, dass die Linden reif für eine Fällung seien, „im Gegenteil, sie sind sehr vital, das waren die anderen auch“. Das zeige sich an den zahlreichen neuen Trieben, die sich in der Krone nach dem Beschneiden und Entfernen toten Holzes neu gebildet hätten. „Die sind einen Meter lang, das zeigt, dass reichlich Kraft in den Bäumen steckt“, sagt Erik Dorff.

Städtischer Baumkontrolleur hat die Bäume seit kontinuierlich im Blick

Das aber wird von der Stadt anders beurteilt. „Die betroffenen Linden mussten in den vergangenen Jahren schon mehrfach eingekürzt werden, in der Hoffnung, dass sie so die Schäden, die sie zuvor genommen hatten, ausgleichen und sich wieder erholen können. Dieses war leider nicht der Fall“, sagt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck. Der städtische Baumkontrolleur habe die Bäume seit vielen Jahren kontinuierlich im Blick, „und zwar über den Jahresverlauf“. Nicht ohne Grund seien die Linden als „absterbend“ klassifiziert worden, auch, weil die Wurzeln eingetrocknet seien und die Bäume sich nicht selbst versorgen könnten.

„Das sehe ich anders“, sagt Dorff. Wenn sich wie bei den Linden in der Baumkrone neue Triebe bildeten, würden auch die Wurzeln wachsen, „beides hängt miteinander zusammen und bildet ein Gleichgewicht“. Dass die Bäume absterbende Zweige hatten, bestreitet er nicht, das habe seinen Grund aber in Kanalisationsarbeiten, die vor ein paar Jahren an dieser Stelle ausgeführt worden seien. „Dabei haben Arbeiter das Wurzelwerk teilweise abgehackt. Außerdem wurde der Boden danach nicht ausreichend verdichtet, wovon jetzt auch die Dellen und Pfützen auf dem Geh- und Radweg zeugen“, sagt Dorff. Inzwischen hätten sich die Bäume davon aber wieder erholt, wie an den Trieben erkennbar.

Wurzelwerk teilweise abgehackt

Die Stadt hält die Einschätzung ihres „zertifizierten“ Baumkontrolleurs dagegen. Danach reiche nur ein wenig gesundes Holz im Stamm schon für einen neuen Trieb. Auch könne man nicht vom Stammbild auf die Standfestigkeit schließen, „und die ist für uns ausschlaggebend“, sagt Moenck.

Dorff überzeugt die Erklärung der Stadt nicht, er sieht in den stattlichen Linden Bäume, „die problemlos noch 50 Jahre hätten stehenbleiben können“. Er hofft nun darauf, dass wenigstens die beiden letzten Linden noch gerettet werden können.

Von Ulf Stüwe