Mittwoch , 21. Oktober 2020
Nico Schlewitt, im Arm hält er seinen zehn Monate alten Sohn, hat sich jetzt mit einem Schreiben an die Politik gewandt, er möchte die derzeitige Betreuungssituation von Krippenkindern nicht hinnehmen. Foto: t&w

Ein System für Sommer-Kinder

Lüneburg. Bis zum letzten Tag hatte Eileen Schlewitt gehofft, einen Krippenplatz für ihren zehn Monate alten Sohn zu finden. Ohne Erfolg. Eigentlich muss die Mutter von zwei Kindern am 10. März wieder arbeiten, dann war sie ein Jahr lang zu Hause. So lange läuft die reguläre Elternzeit. Jetzt hat sie bei ihrem Arbeitgeber einen Antrag auf Verlängerung stellen müssen, denn eine Zusage für einen Krippenplatz hat sie erst zum 1. August. Schlewitt wird nun unbezahlt weitere fünf Monate zu Hause bleiben. Die Empfehlung des Familienbüros, für die Übergangszeit eine Tagesmutter in Anspruch zu nehmen, hat zu keiner Lösung geführt: einen Jahres-Vertrag möchten Eileen und Nico Schlewitt nicht unterschreiben.

„Das ist vom System her nicht gut geregelt“, sagt der Vater, der sich jetzt mit einem Schreiben an die Politik gewandt hat, „es ist darauf ausgerichtet, dass man sein Kind im Sommer bekommt.“ Denn die meisten Kitas, vor allem die städtischen, nehmen Krippenkinder nur im August auf. Dann verlassen viele die Einrichtungen in Richtung Schule. Dass Eltern eigentlich nur zum Start des Kita-Jahres eine Chance haben, hält Nico Schlewitt für untragbar. „Und selbst dann ist ein Platz nicht garantiert.“ Er glaubt, dass viele Eltern heutzutage genau aus diesem Grund die Geburt nach dem Kalender planen.

Wenn der Zeitpunkt der Geburt zum Problem wird

Im März 2017 bekam Familie Schlewitt Nachwuchs, ihren Sohn hätten sie gern ein Jahr später, also in knapp zwei Monaten, in eine Krippe gegeben. Doch die Krippen in Lüneburg sind voll, auf den Wartelisten stehen zum Teil 70 bis 80 Namen. Ob Eileen Schlewitt im August, wenn sie ihren Sohn in die Krippe geben und somit wieder arbeiten gehen kann, auch ihre Stelle in ihrer alten Abteilung zurückerhält, ist ungewiss. Es sei vor allem ein Gefühl, das bei ihrem Mann und ihr zurückbleibt: Frustration. Auch über rechtliche Schritte hätten sie schon nachgedacht, schließlich gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz (siehe Info-Box). „Diesen Weg möchten wir eigentlich nicht gehen, das bedeutet zusätzlichen Ärger.“

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(Bildungsdezernentin)“ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“fromleft“]

 

Es ist ein Problem, das viele Eltern betrifft. Vor allem die Kinder, die am Ende oder Anfang eines Jahres zur Welt kommen, fallen in der Vergabe von Krippenplätzen durchs Raster. Noch müssen Eltern – anders als beim inzwischen zentralen Anmeldeverfahren für Kita-Plätze der über Dreijährigen – sich in den einzelnen Einrichtungen persönlich vorstellen, den Namen ihres Kindes auf die Warteliste setzen lassen. Daran stoßen sich die Schlewitts: „Man muss eigentlich direkt nach der Geburt losstapfen.“ Denn dann sei in der Regel auch der Vater noch zu Hause. Doch das widerspricht der Wochenbett-Zeit, Müttern wird in den ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt vor allem Ruhe empfohlen.

Pia Steinrücke, Bildungsdezernentin bei der Stadt, verspricht Besserung. Die Vergabe von Krippenplätzen soll künftig über ein zentrales Anmeldeverfahren geregelt werden. „Die ersten Tests laufen bereits.“ Die Anmeldungen sollen online einsehbar sein, für Transparenz bei Eltern, Einrichtungen und der Verwaltung sorgen. Vor allem die Wartelisten sollen sich dadurch etwas lichten – Kinder, die in einer Einrichtung angenommen wurden, werden in den anderen automatisch gestrichen.

Bei der Frage nach einer ganzjährigen Aufnahme verweist Steinrücke auf den Rechtsanspruch. „Wir sind dazu verpflichtet, jeden Tag aufzunehmen. Der Rechtsanspruch gilt, sobald ein Kind ein Jahr alt ist.“ Doch in Krippen passiert das oft eben nur im Sommer. Vieles könnte durch Plätze in der Tagespflege aufgefangen werden, „auch zurzeit haben wir da noch Kapazitäten“. Eltern, die ihr Kind lieber in einer Krippe sehen würden, muss Steinrücke eine Absage erteilen. „Zum jetzigen Zeitpunkt sind alle Plätze belegt.“

Nachfrage steigt rapide, die Stadt muss deshalb bauen

Wie groß der Bedarf in Lüneburg ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Im Jahr 2010 gab es 284 Krippenplätze, im vergangenen Jahr 700. 300 zusätzliche Plätze generiert die Stadt über Tagesmütter. „Damit liegt die Betreuungsquote bei 60 Prozent, wir hatten uns mal eine Zielmarke von 35 Prozent gesetzt“, sagt Steinrücke, „im Krippenbereich sind wir also eigentlich schon gut aufgestellt“.

Da die Anfragen für Kinder unter drei Jahren aber stetig zunehmen, ist die Stadt weiterhin gefordert. Bis 2021 sollen zusätzliche 400 Kindergarten- und 200 Krippenplätze geschaffen werden – eine Investition von 16 Millionen Euro. Wie berichtet, möchte die Stadt einen Teil der Gemeinschaftsunterkunft am Ochtmisser Kirchsteig als Kindertagesstätte nutzen. Zudem seien in diesem Jahr Erweiterungen in den Einrichtungen an der Schützenstraße und am Brockwinkler Wald geplant, insgesamt ein Plus von 45 Krippenplätzen.

Hoher Kostenaufwand und ein Mangel an Erzieherinnen

Bei all diesen Bemühungen – ein Ganztagsplatz kostet die Stadt 17.340 Euro – sei man aber auch auf Unterstützung von Bund und Land angewiesen. Um Eltern das ganze Jahr über einen Betreuungsplatz für ihr Kind anbieten zu können, müsste die Kommune einen „enormen Kostenaufwand“ auf sich nehmen. „Das ist eine Frage, mit der wir uns langfristig beschäftigen müssen. Schließlich gibt es immer mehr Eltern, die einen anderen Rhythmus wählen.“ Bislang ist ein Platz in einer der elf städtischen Kitas nur dann außer der Reihe zu ergattern, wenn beispielsweise eine Familie wegzieht oder eine Gruppe aufgestockt wird.

Um ein Problem kommt die Stadt aber langfristig nicht herum: Es gibt zu wenig Erzieherinnen. „Wir haben kürzlich sechs Stellen ausgeschrieben und nur drei Bewerbungen erhalten“, sagt Pia Steinrücke.

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Rechtsanspruch auf einen Platz

Seit dem 1. August 2013 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Krippe oder Kindertagespflege für alle Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben. Die Kommune ist also per Gesetz dazu verpflichtet, einen Platz für die Betreuung zur Verfügung zur stellen. Die Anmeldung für einen Krippenplatz müssen die Eltern direkt in den Einrichtungen vornehmen, dort werden Wartelisten geführt. Informationen zu aktuell freien Krippenplätzen können im Familienbüro eingeholt werden. Wenn die Kommune keinen Betreuungsplatz anbieten kann, können Eltern klagen. In Leipzig haben Mütter in drei Parallelverfahren sogar ihren Verdienstausfall erfolgreich einklagen können: Sie wollten nach Ablauf ihrer einjährigen Elternzeit wieder in Vollzeit arbeiten, erhielten aber bei der Stadt auch auf wiederholte Nachfrage keinen positiven Bescheid für einen Betreuungsplatz. Durch eigene Bemühungen fanden sie schließlich einen, allerdings später als beabsichtigt. Der Bundesgerichtshof gab ihrem Anliegen am 20. Oktober 2016 Recht und verpflichtete die Kommune zu Schadenersatz.

Quelle: www.bundesgerichtshof.de