Samstag , 31. Oktober 2020
Tierärztekammer und Landwirtschaftsministerium freuen sich über den Erfolg der Katzen-Kastrationsaktion. Doch einige Katzenfreunde ärgern sich über Zeitraum – sie finden ihn zu früh. (Foto: A/t&w)

Schon jetzt mehr als 1000 Streuner kastriert

Lüneburg. Holger Lorenz klingt schon etwas stolz, wenn er über die aktuellen Zahlen spricht: „Nach eineinhalb Wochen sind in Niedersachsen 680 weibliche und 420 männliche wild lebende Hauskatzen kastriert worden“, sagt der Geschäftsführer der Niedersächsischen Tierärztekammer. 1100 Tiere nach so kurzer Zeit – Ziel war es, bis Mitte März 2600 Katzen und Kater zeugungsunfähig zu machen. Das wird wohl deutlich früher erreicht.

Ein Experiment wagen wollten Land, Tierärztekammer, Tierärzte und Tierschutzvereine: Sie nahmen sich acht Wochen Zeit und knapp 250 000 Euro, um massiv Katzenelend zu bekämpfen. In dieser Zeit sollen wild lebende Hauskatzen kastriert werden, damit sich die Tiere nicht unkontrolliert weiter vermehren (LZ berichtete). Ist das Geld aus dem Fördertopf schon früher alle, verkürzt sich auch der Zeitraum. Aktuell sind laut Landwirtschaftsministerium noch 114 600 Euro im Topf.

Kaltes Wetter schlecht für Genesung

Verwilderte Hauskatzen wurden häufig von ihren früheren Besitzern ausgesetzt, manchmal leben sie schon in Xter Generation in der Wildnis. Sie sind sehr scheu, haben jeden Bezug zum Menschen verloren, sind aber immer noch anfällig für Krankheiten. Sich selbst versorgen können die Samtpfoten nicht, sie wühlen in Müllsäcken nach etwas Fressbaren oder stibitzen ihr Futter aus fremden Näpfen. Nicht selten verhungern die Tiere oder sterben an Krankheiten, ihre Lebenserwartung ist deutlich geringer als Katzen mit einem festen Dach über dem Kopf. Den Tieren geht es schlecht, je mehr es von ihnen gibt, desto größer wird das Tierleid.

Die Kastrationsaktion startete am 15. Januar und soll – wenn das Geld reicht – bis zum 15. März dauern. Ein Zeitraum, der bei Katzenfreunden auf Kritik stößt. Etwa bei Ellen Wahne von der Katzenhilfe Bleckede. „Der Eingriff ist körperlich und psychisch eine große Belastung“, sagt die Dahlenburgerin. Nach der Operation würden die Tiere nach wenigen Tagen wieder dort ausgesetzt, wo sie eingefangen wurden. „Doch die Tiere haben sich oft nicht genug von der OP-Wunde erholt, das Immunsystem ist noch heruntergefahren.“ Gerade dann können die kalten Temperaturen und der Regen der Todesstoß sein – Wahne: „Das ist kein Tierschutz für mich.“ Sie hätte es besser gefunden, wäre die Kastrationsaktion im Frühjahr gestartet.

Vorkehrungen gegen Missbrauch

Genau dagegen entschieden hatten sich bei der Terminwahl die Landestierschutzbeauftragte Michaela Dämmrich und der Präsident der Landestierärztekammer, Dr. Uwe Tiedemann. Denn ab Frühjahr seien deutlich mehr Katzen trächtig als jetzt – die Operation werde dann komplizierter, wertete Dämmrich. „Oft müsste dabei die Gebärmutter entnommen werden, ein Eingriff, der die Tiere zusätzlich belastet.“ Für die Aktion wäre sonst nur der Sommer infrage gekommen, da Katzen auch im Herbst häufig trächtig sind. Doch im Sommer seien sowohl viele Helfer als auch Tierärzte im Urlaub, was den Erfolg der Aktion schon im Vorhinein in Frage stellen würde. Daher die Entscheidung für den Jahresanfang.

Katzenkastrationen auf Kosten des Landes und der Tierschützer – kommen da nicht Betrüger auf die Idee, ihre eigenen Tiere zu behandeln? Diese Frage hat sich auch die Landestierärztekammer gestellt. Grundsätzlich gelte: Wild lebende Hauskatzen hätten einen stark ausgeprägten Fluchtinstinkt gegenüber Menschen, wehren sich gegen eine Behandlung mit vollem Körpereinsatz, erklärt Lorenz. „Darüber hinaus gibt es Sicherheitsschwellen, die Missbrauch vorbeugen. Während der Behandlung laufen im Hintergrund Überprüfungen.“ Wie diese funktionieren, wollte Lorenz nicht verraten. Damit nur die richtigen Katzen von der Aktion profitieren.

Kein gutes Geschäft für Tierärzte

140 Euro für die Kastration einer weiblichen Katze, 85 Euro für einen Kater – so rechnet das Landwirtschaftsministerium. Aber auch mit einem prall gefüllten Fördertopf werden die Tierärzte von der Aktion nicht reich. Von dem Geld müssen noch die Mehrwertsteuer und die Kosten für den Transponderchip, den jede Katze bei diesem Programm erhält, abgezogen werden, sagt der Boitzer Tierarzt Stephan Schlawinsky.

Darüber hinaus verzichten alle Tierärzte auf 25 Euro der Behandlungskosten als Spende. Das noch übrig bleibende Geld – zwischen 15 und 35 Euro pro Kastration – decke kaum die Kosten, zumal die Behandlung der scheuen Tiere recht aufwändig sei. Trotzdem steht der Arzt hinter dem Projekt: „Jetzt ist die Chance da, mal Tabula Rasa zu machen.“ Und: „Besser so, als gar keine Aktion.“

von Robin Williamson