Donnerstag , 22. Oktober 2020
Das Denkmal für die Toten der 110. Infanterie-Division Am Graalwall ist immer wieder Stein des Anstoßes in der Debatte über die richtige Form der Erinnerung. (Foto: be)

Kommt eine Parade der Denkmäler vor dem Museum?

Lüneburg. Die richtige Form des Gedenkens und Erinnerns ist in Lüneburg ein Dauerthema, manche Denkmäler sind seit Jahren umstritten, einige wurden längst eingemottet oder sind hinter Kasernenzäunen für die breite Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Gerade erhält das Thema durch ein Video wieder neue Nahrung, das Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf (CDU) für seine Äußerungen gegenüber einem rechten Blogger reichlich Kritik, eine Anzeige und Rücktrittsforderungen bescherte (LZ berichtete). Nun ist der Fall offenbar Anstoß für die Politik, noch einmal über die Erinnerungskultur in Lüneburg nachzudenken.

Der Verwaltungsausschuss, dem Mitglieder aller Parteien des Rates angehören, hatte sich zuletzt am 17. Oktober 2017 mit einer Petition zu dem Denkmal für die 110. Infanteriedivision auseinandergesetzt, das jetzt auch im Video eine zentrale Rolle spielte. Ohne Gegenstimmen wurde dabei beschlossen, dass die Verwaltung mit der Manzke-Friedensstiftung über eine textliche Präzisierung und damit Verbesserung des aufgestellten Schildes am Wall-Aufgang spricht. „Darüber hinaus möchte die Stadt die Anregung aufgreifen und die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten bei diesen Fragen mit hinzuziehen, so wie wir es bei anderen Denkmälern auch bereits getan haben“, hieß es in dem Beschluss.

SPD fordert Neubewertung der Hinweisschilder

Nun sagt Friedrich von Mansberg, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, noch einmal konkret: „Wir fordern, dass gemeinsam mit den Initiatoren des ‚Friedenspfades’ und externen unabhängigen Wissenschaftlern das Hinweisschild am Denkmal für die 110. Infanteriedivision noch einmal neu bewertet und überarbeitet wird.“

Dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Ulrich Blanck, geht das nicht weit genug. Er sagt: „Über den von der Stadt beschriebenen Beschluss hinaus gab es aber auch die Anregung der Grünen über die Erinnerungskultur in Lüneburg nachzudenken. Konkret hatte ich den Vorschlag unterbreitet, alle Kriegsdenkmäler beziehungsweise Denkmäler mit diesem Bezug zentral im direkten Umfeld des Museums aufzustellen und im Museum dann die notwendigen historischen Einordnungen zu ergänzen. Dann könnte man weiter darüber nachdenken, in der Zukunft einen neuen Erinnerungsort zu schaffen, der mit der Forderung ,Nie wieder Krieg‘ allen Opfern der Kriege gewidmet sein sollte. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, diesen Schritt zu gehen, und werde den Vorschlag deshalb erneut einbringen.“ ahe

Linke wollen ein Forum zur Lüneburger Erinnerungskultur

Die Fraktion der Linken im Rat der Hansestadt Lüneburg beantragt in der kommenden Ratssitzung am 1. Februar die Einberufung eines Forums Lüneburger Erinnerungskultur. Fraktionsmitglied David Amri: „Demnach soll die Stadt in Kooperation mit Universität, Museum sowie Vereinen und Verbänden, die sich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus widmen, ein öffentliches Beteiligungsforum zur Lüneburger Erinnerungskultur entwickeln.“

Ferner begrüßt Amri, dass nun eine öffentliche Debatte zu dem Thema stattfinde. „Bei der Neugestaltung von Kriegs-Denkmälern sollten wir uns nicht an Beschlüsse klammern, die hinter verschlossenen Türen im Verwaltungsausschuss gefasst wurden. Eine Lüneburger Erinnerungskultur ist Sache von allen Lüneburgerinnen und Lüneburgern und darf nicht von der Kommunalpolitik allein vorgegeben werden.“

Mehr zum Thema: 

https://www.landeszeitung.de/a/35469-buergermeister-erntet-kritik2

https://www.landeszeitung.de/a/35437-klage-gegen-buergermeister-dr-scharf

https://www.landeszeitung.de/a/35397-1388521