Montag , 28. September 2020
Dr. Jörg Berling ist stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. (Foto: t&w)

Das digitale Sprechzimmer

Lüneburg. Ein grippaler Infekt fesselt den Patienten aus dem Amt Neuhaus ans Bett, er kann sich nicht aufraffen, will seine Viren nicht unter die Leute bringen. Er wählt einfach seinen Arzt in Lüneburg an und erhält per Skype eine Ferndiagnose. Noch ist das Zukunftsmusik für die Region Lüneburg, doch Mediziner diskutieren bereits über die Einsatzmöglichkeiten der Telemedizin. In Baden-Württemberg sind gerade erste Modellversuche angelaufen. Laut Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), wird die Telemedizin beim nächsten Ärztetag im Mai in Erfurt Thema sein.

„In Lüneburg und in ganz Niedersachsen nutzt die Videosprechstunde, die seit dem 1. April 2017 möglich ist, noch kein einziger Hausarzt“, weiß Berling, der als Hausarzt eine Praxis in Adendorf hat. „Die Einrichtung der Videosprechstunde in Arztpraxen bedeutet zusätzliche Kosten für die Ärzte, die nicht durch zusätzliche Einnahmen gedeckt werden.“

Auch eine Frage der Kosten

Neben der Videosprechstunde gibt es in Niedersachsen einige Pilotprojekte zur Telemedizin. Spezialisten aus Oldenburg geben etwa Notfallsanitätern bei Unfällen auf Offshore-Windparks im Meer per Videoschalte Anweisungen und überwachen gleichzeitig am Bildschirm den Puls und die Sauerstoffsättigung. „Auch beim Bereitschaftsdienst in Delmenhorst fahren Sanitäter raus, kommunizieren vom Einsatzort mit den Ärzten im Krankenhaus – dort ist die notwendige Technik vorhanden.“ Und Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover erhalten regelmäßig von Herzschrittmachern ihrer Patienten Daten.

Ein Paradebeispiel für den Einsatz der Telemedizin ist laut dem Adendorfer Mediziner die Dermatologie, in der es um Haut­erkrankungen geht: „Von Flecken oder Geschwüren lassen sich per Smartphone brillante Bilder verschicken, auf denen der Arzt schon im Wesentlichen erkennen kann, ob der Fleck harmlos oder bösartig ist.“ Das wird auch schon in Lüneburg praktiziert. „Es gibt da auch Ärzte, die sagen: ,Das reicht mir nicht. Ich muss es fühlen können und den ganzen Menschen sehen‘.“

Von der Telemedizin könnten bei leichteren Erkrankungen viele profitieren: Auch Berufstätige, die im Job unabkömmlich sind. Oder Ärzte, deren Wartezimmer deutlich leerer würden. Dabei ist allen klar, dass es nur um bestimmte, leichtere Erkrankungen geht – im Großteil der Fälle ist das persönliche Erscheinen in der Praxis unabdingbar.

In der Diskussion ist auch, dass Diagnosen für Krankschreibungen über den Bildschirm oder am Telefon gestellt und verlängert werden können. Berling: „Das ist problematisch. Der Arzt kann ja kein Fieber messen und muss dem Patienten also glauben oder nicht.“ Das Berufsrecht verbiete ein solches Vorgehen, bislang sei der persönliche Kontakt Vorschrift. Über eine Änderung könne nur die Ärztekammer entscheiden. Verschließen möchte sich Berling der Telemedizin aber nicht. „Wir begrüßen die Entwicklung.“

Wichtig für dünn besiedelte Regionen

Positives sieht auch Jürgen Enkelmann, Geschäftsführer der Lüneburger Wirtschaftsförderungs-GmbH: „Die Telemedizin ist wichtig für die Region Lüneburg, gerade für den östlichen Landkreis mit seiner dünnen Infrastruktur, wo es nur wenige Praxen und Apotheken gibt.“ Lüneburger Unternehmen würden profitieren: „LüneCom etwa bietet die Infrastruktur dafür, ist als Pächter des neuen Glasfasernetzes im Kreis Uelzen aktiv. Es sind Netze, die auch für die Telemedizin genutzt werden können.“ Und die Wirtschaftsförderung hat ein Projekt finanziell begleitet: „Die Gesundheitsholding untersucht, wie psychisch kranke Patienten nach einer stationären Behandlung per Telemedizin weiter behandelt werden können.“ Damit solle verhindert werden, dass diese Patienten nicht immer wieder stationär aufgenommen werden müssten.

Die Sicht der Politik

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) hatte beim „1. Digitalgipfel Gesundheit“ in Niedersachsen im November 2017 in Hannover für mehr Offenheit für digitale Hilfsmittel bei der Arztbehandlung geworben. „Wir in Deutschland neigen dazu mit unserer Verrechtlichung Innovation zu behindern“, sagte der Heiligenthaler. Er werde für Digitalisierungsprojekte in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro ausgeben, dazu gehörten der Ausbau des schnellen Internets und Telemedizin-Pilotprojekte. Ohne solche Projekte würden Niedersachsen und Deutschland im EU-Vergleich zurückfallen.

Die Ärztekammer sieht den Datenschutz als größtes Problem. Kammerpräsidentin Martina Wenker sagte, dass es nie völlige Datensicherheit geben werde, aber sie sich dafür einsetze, dass Telemedizin möglichst sicher wird. Patienten sollten auch in Zukunft die Möglichkeit haben, ihren Arzt auch offline zu konsultieren.

Von Rainer Schubert