Dienstag , 22. September 2020
Per Telefon wollen Verbrecher ans Geld gutgläubiger Opfer. Bei einer Masche wird es ihnen nun aber erschwert: Mobilfunkanbieter müssen bei bestimmten Anrufen eine Preisansage vorschalten. (Foto: polizei)

Betrug übers Telefon

Lüneburg. „Wir werden seit Monaten von angeblichen Microsoft-Mitarbeitern telefonisch terrorisiert, in den vergangenen Tagen bis zu sieben Mal am Tag. Auf dem Display erscheinen unverfängliche Rufnummern. Nehme ich ab, wird auf Englisch geredet. Ich lege sofort wieder auf.“ LZ-Leser Dr. Rudolf Michaelsen aus Deutsch Evern ist genervt, handelt allerdings mit dem sofortigen Auflegen richtig und würde auch nicht zurückrufen – denn das könnte ihn teuer zu stehen kommen. Aktuell gibt es bei den Betrugsversuchen übers Telefon in der Region Lüneburg drei Maschen: Anrufer geben sich als Mitarbeiter von Computerunternehmen aus, Gauner stellen sich als Polizisten vor oder Betrüger treiben mit sogenannten Ping-Anrufen die Rechnung in die Höhe. Auf die letzte Masche wäre Sabine Oppen-Schröder, Leiterin der Verbraucherzentrale in Lüneburg, fast selbst he­reingefallen.

Trick mit dem angeblich gefährdeten Rechner

Bei der ersten Variante geht es laut Oppen-Schröder darum, dem mutmaßlichen Opfer zunächst Angst zu machen. Sie schildert einen Fall: „Ein Lüneburger wurde nachts von einem Anrufer gewarnt, sein Rechner sei gefährdet. Am nächsten Tag erschien ein entsprechender Hinweis auf seinem Bildschirm – zusammen mit einer Hamburger Telefonnummer, die Hilfe versprach. Dahinter steckte eine Firma, die vorgab, im Auftrag von Microsoft zu arbeiten. Sie forderte am Telefon über die Fernwartungs-Software ,TeamViewer‘ Zugriff auf den Rechner und bot eine Sicherheits-Software für 299 Euro an.“ Der Lüneburger wurde misstrauisch.

Andere aber fielen auf die Masche rein: Aus Unsicherheit zahlten Betroffene für ein Jahr „Service und Virenschutz“ bis zu 279 Euro. Eine weitere Gefahr: Über die Fernwartung ermöglicht der Verbraucher den vollständigen Zugriff auf jede noch so kleine Datei. Zudem können auch schadhafte Programme installiert oder private Daten ausgelesen werden. Der Tipp der Verbraucherschützerin: „Anzeige erstatten, das ist zwar keine adhoc-Hilfe, sensibilisiert aber die Staatsanwaltschaft. Und einen Computerspezialisten des Vertrauens einschalten, denn durch Manipulation könnten ,kleine Zeitbomben‘ installiert und möglicherweise durch das Erlangen von Kontodaten Konten geplündert werden.“

Betrug durch Ping-Anrufe

Bei der zweiten Variante können Verbrecher über ein technisches Verfahren die Nummern von Polizeidienststellen oder auch die 110 auf dem Display erscheinen lassen. Beim Anruf gaukeln die falschen Polizisten ihren möglichen Opfern beispielsweise vor, dass deren Adresse auf einer Liste von Einbrechern stehe, sie sollten Geld und Wertsachen irgendwo im Garten deponieren oder Beamten, die vorbeikämen, aushändigen. In Stadt und Landkreis Lüneburg gab es 2017 etliche solcher Anrufe. Das gravierendste Beispiel allerdings kam aus dem Nachbarkreis Harburg: Gauner brachten eine Rentnerin dazu, ihnen Schmuck und Goldmünzen im Wert von rund 90 000 Euro zu übergeben. Die Lüneburger Polizei hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es solche telefonischen Aufforderungen niemals geben würde, Angerufene sollten sofort die „richtige“ Polizei alarmieren.

Auf die dritte Variante wäre Sabine Oppen-Schröder fast selbst hereingefallen: die sogenannten Ping-Anrufe, bei denen Betrüger von den generierten Verbindungsentgelten profitieren: „Ich bekam einen Anruf, auf dem Display erschien eine Vorwahl, die ich auf den ersten Blick Frankfurt zuordnete, wo ich Bekannte habe.“ Sie nahm ab, merkte nach ein paar Sekunden, dass der Anruf aus dem Ausland kam und legte flugs wieder auf. Der Trick: Ping-Anrufe oder Ping-Calls sind Lockanrufe aus Staaten wie dem ostafrikanischen Burundi, das Festnetztelefon oder das Handy klingelt nur kurz, danach legt der Anrufer auf. Ziel ist es, einen kostenpflichtigen Rückruf zu provozieren und den Anrufer dann so lange wie möglich in der Leitung zu halten. Im Display erscheint oft eine Nummer, die man auf den ersten Blick mit einer lokalen Vorwahl verwechseln könnte. So lässt sich die Vorwahl beispielsweise von Koblenz 0261 leicht mit der Vorwahl von Madagaskar 00261 verwechseln.

Lockanrufe animieren zu kostspieligen Rückrufen

Eine Sprecherin der Netzagentur erzählte der LZ von einer „wahren Ping-Anruf-Welle, die zum Jahresende ihren Höchststand hatte“, allein im September habe es hierüber mehr als 20 000 Beschwerden gegeben. Das soll bis spätestens Montag gestoppt werden: „Mit der von uns angeordneten Preisansagepflicht machen wir das rechtswidrige Geschäftsmodell der Täter wirtschaftlich unattraktiv und schaffen Transparenz für den Verbraucher“, sagt Jochen Ho­mann, Präsident der Bundesnetzagentur: „Die neue Preisansage für auffällige Länder weist den Anrufer vor Beginn des kostspieligen Telefonats darauf hin, dass er eine hochpreisige ausländische Rufnummer angewählt hat. So kann der Verbraucher den Rückruf rechtzeitig abbrechen, ohne dass Kosten entstehen.“

Ping-Anrufen den Riegel vorschieben

Die Bundesnetzagentur hat im Dezember 2017 angeordnet, dass in Mobilfunknetzen eine kostenlose Preisansage für bestimmte internationale Vorwahlen geschaltet werden muss. Damit sollen teure Rückrufe, die durch sogenannte Ping-Calls provoziert werden, verhindert werden. Die adressierten Mobilfunknetzbetreiber und -anbieter müssen die Anordnung bis spätestens 15. Januar 2018 für 22 Länder umsetzen.

Das gilt für folgende Ländervorwahlen: Burundi (00257), Tschad (00235), Serbien (00381), Seychellen (00248), Tunesien (00216), Elfenbeinküste (00225), Guinea (00224), Sudan (00249), Marokko (00212), Tansania (00255), Benin (00229), Mali (00223), Uganda (00256), Madagaskar (00261), Albanien (00355), Bosnien-Herzegowina (00387), Somalia (00252), Liberia (00231), Malediven (00960), Jemen (00967), Mazedonien (00389), Sierra Leone (00232), Global Mobile Satellite System (00881).

Von Rainer Schubert