Dienstag , 29. September 2020
Bürgermeister Dr. Scharf hat sich in einem Video (hier ein Screenshot) über Gedenkkultur geäußert. Gedreht und veröffentlicht wurde der Clip von einem suspendierten Grundschullehrer, der mit rechtsextremen Botschaften aufgefallen ist.

Gedenkkultur-Debatte: Wie kommt Bürgermeister Dr. Scharf in den rechten Videokanal?

Lüneburg. Dr. Gerhard Scharf, Bürgermeister der Hansestadt Lüneburg, hat sich in einem Video auf Youtube zur Gedenkkultur geäußert, und das wird zum Politikum. Denn ins Netz hat das Video ein Grundschullehrer aus Berlin gestellt, der vom Dienst freigestellt wurde, weil er auf seinem YouTube-Kanal „Der Volkslehrer“ immer wieder Hassvideos und rechtsextreme Inhalte veröffentlicht.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge spricht von „unglücklichen Äußerungen“ Scharfs, die Linke formuliert deutlich schärfer, manches sei schlicht „untragbar“.

Im Video ist Scharf kaum zu sehen, nur einmal ganz kurz huscht er durchs Bild. Dafür aber ist er deutlich zu hören. Und das hätte er besser bleiben lassen. Vermutlich wusste er nicht, mit wem er da plaudert. Minutenlang spricht Dr. Gerhard Scharf über den Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division Am Springintgut.

Für den Lüneburger CDU-Politiker und ehrenamtlichen Bürgermeister ist das nun ein Problem, weil sein Gesprächspartner im Video der umstrittene Grundschullehrer Nikolai N. aus Berlin ist. Das hat Scharf nicht gewusst. Er sei arglos gewesen, habe den Mann zufällig getroffen.

Deutliche Kritik kommt von den Linken

Scharf selbst möchte sich zu dem Video mit dem Titel „Auf der Pirsch in Lüneburg – ein Bürgermeister spricht Klartext“ aktuell nicht äußern, er verweist auf eine mit dem Oberbürgermeister und der Pressestelle der Stadt abgestimmten Erklärung. Zur LZ sagt Scharf: „Sie kennen mich, ich bin Manns genug, immer offen meine Meinung zu sagen, aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich es in diesem Fall dabei belassen möchte.“ In der Erklärung heißt es, das Video könne „schon als sehr unglücklich aufgefasst werden. Dieses liegt weniger an den einzelnen Äußerungen von Dr. Scharf als an der sehr geschickten und vereinnahmenden Art und Weise, mit denen der Blogger die Worte von Dr. Scharf deutet und bewertet“.

Scharf habe der Stadt gegenüber deutlich gemacht, „dass er bei dem zufälligen Zusammentreffen arglos und ohne böse Hintergedanken als Privatmann drauflos gesprochen hat und weder wusste, mit wem er es zu tun hat noch, dass sein Gegenüber praktisch den ganzen Gesprächswechsel im O-Ton aufgezeichnet hat. Wäre dieses der Fall gewesen, so wären bei Dr. Scharf sicherlich die Antennen für die permanente Vereinnahmung und Wertung seiner Worte geschärft gewesen“.

Deutliche Kritik kommt von den Linken. Sie wirft ihm unter anderem „die Instrumentalisierung der Opfer von Nazi-Verbrechen in der weißrussischen Stadt Osaritschi vor, an denen die 110. Infanterie-Division aus Lüneburg beteiligt war“.

Mehr dazu lesen Sie am Mittwoch in der LZ.

Die Stellungnahme der Stadt Lüneburg im Wortlaut:

„Die Hansestadt Lüneburg hat nach Bekanntwerden des fraglichen Videos mit Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf darüber gesprochen, dass dieses schon als sehr unglücklich aufgefasst werden kann. Dieses liegt weniger an den einzelnen Äußerungen von Dr. Scharf als an der sehr geschickten und vereinnahmenden Art und Weise, mit denen der Blogger die Worte von Dr. Scharf deutet und bewertet. Herr Dr. Scharf hat der Hansestadt gegenüber deutlich gemacht, dass er bei dem zufälligen Zusammentreffen arglos und ohne böse Hintergedanken als Privatmann drauflos gesprochen hat und weder wusste, mit wem er es zu tun hat noch, dass sein Gegenüber praktisch den ganzen Gesprächswechsel im O-Ton aufgezeichnet hat. Wäre dieses der Fall gewesen, so wären bei Dr. Scharf sicherlich die Antennen für die permanente Vereinnahmung und Wertung seiner Worte geschärft gewesen. Dieses zunächst einordnend zur Entstehung dieses Videos.

Zu der jetzt inhaltlich geäußerten Kritik bleibt die gemeinsam von der Hansestadt und auch Dr. Gerhard Scharf vertretene Linie festzuhalten. So hat sich der Verwaltungsausschuss, dem Mitglieder aller Parteien des Rates angehören, zuletzt am 17. Oktober 2017 mit einer Petition zu dem Denkmal auseinandergesetzt und ohne Gegenstimmen einen Beschluss gefasst. Beschlossen wurde, dass die Verwaltung mit der Manzke-Friedensstiftung über eine textliche Präzisierung und damit Verbesserung des aufgestellten Schildes am Wall-Aufgang spricht. Darüber hinaus möchte die Hansestadt die Anregung aufgreifen und die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten bei diesen Fragen mit hinzuziehen, so wie wir es bei anderen Denkmälern auch bereits getan haben. Dieses wird jetzt im neuen Jahr abgearbeitet.

Die Hansestadt hat es als Ehre empfunden, im vergangenen Jahr die Zeitzeugen der unfassbaren Gräueltaten in weißrussischen Ozarichi zu empfangen (11. August 2017). Dieses hat Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf als offizieller Vertreter mehrfach deutlich gemacht, ebenso dass die Stadt hier eine besondere Verantwortung trägt. Der Empfang galt sechs älteren Damen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges in Weißrussland Gefangenschaft, Gewalt und Massensterben im deutschen Konzentrationslager Ozarichi als Waisenkinder überlebt haben. Die Hansestadt dankt in diesem Zuge auch noch einmal den Begleitpersonen, die es erst möglich gemacht haben, die Überlebenden zu empfangen.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge sagte: „Ganz unabhängig davon gibt es natürlich Debatten darüber an welcher Stelle und in welcher Form Erinnerungskultur stattfinden soll und es ist auch gut so, wenn wir uns darüber auseinandersetzen. Herr Dr. Scharf ist bekannt dafür, dass er ein offenes Wort schätzt und sich lange und mit sehr persönlichem Blick mit dem Thema Krieg, Flucht und Vertreibung beschäftigt hat. Ich fände es unfair unglückliche Äußerungen gegen ihn zu verwenden. Dr. Scharf ist ein Bürgermeister, der die Hansestadt bei offiziellen Anlässen immer gut, engagiert und sehr redlich vertritt. Als diesen schätze ich ihn.“