Sonntag , 27. September 2020
Schon zu Fuß ist Tim Rechenberg nur mit Mühe auf den aufgeweichten Acker gekommen. In dem nassen Lehmboden versinkt er bei jedem Schritt bis zum Knöchel im Schlamm. An ein Befahren mit Treckern ist auf Wochen nicht zu denken. (Foto: t&w)

Bauern stecken fest im Dauertief

Radegast. Eigentlich hält Tim Rechenberg nichts vom Jammern. Er mag seinen Job als Bauer, und er kann mit Risiken umgehen. „Das gehört dazu, wenn man mit der Natur arbeitet“, sagt er. Doch das, was der 30 Jahre alte Landwirt gerade erlebt, lässt selbst den Optimistischsten unter den Bauern verzweifeln. Kein einziger seiner Äcker in der Elbmarsch rund um Radegast ist nach dem Dauerregen der letzten Tage und Wochen mehr befahrbar, auf etlichen Flächen staut sich das Wasser. Dass das nicht ohne Folgen für die Ernte bleibt, „ist jetzt schon klar“, sagt er. Bleibt nur die Frage: Wie schlimm wird es wirklich? Denn selbst einen Totalausfall hält der Radegaster nicht mehr für ausgeschlossen.

Wetterbeobachter aus der Region haben 2017 Regen an jedem zweiten Tag dokumentiert (LZ berichtete), selbst Alt-Landwirte wie Heinrich Beneke aus Garze können sich an ein solches Extremjahr nicht erinnern. „Diese Katastrophe“, sagt der 77-Jährige, „die hatten wir noch nie.“ Mit den Folgen ringen alle Landwirte – vor allem aber Rechenberg und seine Kollegen in der Elbmarsch.

Schwere, lehmige Böden

Schon im Sommer kämpften sie auf den schweren, lehmigen Böden mit der Nässe, versuchten von der Getreide- und Maisernte zu retten, was noch zu retten war. Das Ergebnis auf Rechenbergs Betrieb: Einbußen bei der Getreideernte von bis zu 40 Prozent, Mindererträge auch bei der Mais- und Grasernte. „Immerhin haben wir es geschafft, noch alles zu ernten“, sagt er. Andere kamen mit ihren Erntemaschinen irgendwann nicht mehr auf die Flächen. Die Konsequenz: „Da vergammeln Mais und Getreide jetzt auf den Feldern.“

Das nächste Problem: Auch das Einbringen der neuen Saat (Wintergetreide und Raps) gelang nach der Ernte nur unter erschwerten Bedingungen – und nicht überall. „Etwa ein Drittel aller Flächen hier in der Elbmarsch konnte nicht bestellt werden, weil man nicht auf die Äcker kam“, sagt Rechenberg. Mit Glück lassen sich dort im Frühjahr noch Sommergetreide oder Futterpflanzen anbauen. „Aber auch das würde erhebliche Ernteeinbußen bedeuten.“ Probleme erwartet er zudem bei der Saat, die inzwischen aufgelaufen ist. „Wenn die zu lange im Wasser steht, ist sie auch hin.“

 

 

 

 

 

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Was 2018 wird, hängt nun von einer Frage ab: Wann lassen sich die Felder wieder befahren? Die Drainage, die es auf einem Großteil der Äcker gibt, funktioniert schon lange nicht mehr. Im Gegenteil. „Die Entwässerungsgräben sind so voll, dass das Wasser zum Teil durch die Rohre zurück auf den Acker drückt.“ Rechenberg hofft nun auf Minusgrade, „dann könnten die Felder vielleicht in ein paar Wochen trockenfrieren“. Hält der Regen an, „dann weiß ich auch nicht“. Der Junglandwirt seufzt. „Im schlimmsten Fall haben wir im nächsten Jahr nichts zu ernten, weil nichts gewachsen ist.“

Ein weiteres Problem der aufgeweichten Äcker: Schon im Herbst konnten viele Landwirte ihre Gülle auch außerhalb der Elbmarsch nicht ausbringen, weil die Felder aufgeweicht und nicht befahrbar waren. Dann begann die Sperrfrist. Die Folge: „Viele Güllelager sind mittlerweile randvoll“, berichtet Landberater Peter Müller.

Erlass aus Hannover

Um eine Havarie zu verhindern, haben Land- und Umweltministerium bereits Mitte Dezember einen Erlass herausgegeben und unter bestimmten Umständen ein Ausbringen der Gülle auch innerhalb der Sperrfrist zugelassen. Regulär endet die am 1. Februar. „Momentan nützt uns das allerdings wenig“, sagt Müller, „denn befahrbar sind die Felder noch immer nicht.“ Und er sei skeptisch, „dass das am 1. Februar anders ist“.

Rechenberg hatte Glück. „Unsere Gülle konnten wir im Herbst noch ausbringen.“ Ein Problem weniger. Frust schiebt der Junglandwirt trotzdem beim Anblick der Seenlandschaft auf seinen Feldern. Aufheitern kann ihn da momentan nur eins: Sonne und Minusgerade.

Von Anna Sprockhoff

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