Montag , 26. Oktober 2020
Im Gehege im Wildpark Niendorf kann man Wölfen recht nahe kommen. In freier Wildbahn meiden die meisten Tiere den Menschen, greifen aber immer wieder auf dessen Weidetiere über. (Foto: t&w)

Für Problemwölfe wird‘s ernst

Lüneburg. Wer darf unter welchen Umständen Wölfe töten? Diese Frage hat das Land Brandenburg vor kurzem in einer neuen Wolfsverordnung klar geregelt – und damit bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. So ist darin unter anderem zu lesen, dass Wölfe künftig auch dann geschossen werden dürfen, wenn ein Tier trotz aller Schutzmaßnahmen mindestens zweimal Nutztiere reißt. Eine Lösung auch für Niedersachsen? Die Meinungen unter Schäfern, Tierschützern und Landtagsabgeordneten in der Region Lüneburg gehen auseinander. Eins allerdings scheint unbestritten: So, wie es ist, kann es nicht bleiben.

Allein im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Wolfsrisse im Land mehr als verdoppelt, von 232 gemeldeten Nutztierschäden konnten für 2017 bisher 143 eindeutig Wölfen zugeordnet werden. Im Landkreis Lüneburg schlug der Wolf nachweislich in 22 Fällen zu, mindestens 50 Tiere starben.

Die Stimmung kippt beim Schäfer

Mit jedem neuen Übergriff wächst die Wut der Tierhalter, längst ist die Stimmung auch bei Menschen wie Stefan Erb gekippt, die die Rückkehr der Wölfe bisher entspannt gesehen haben. „Das geht nicht gut aus so“, sagt der Schäfer aus Bleckede.

Erbs Forderung: In naher Zukunft muss die weitere Ausbreitung der Wölfe begrenzt werden. „Anderenfalls sehe ich für die Weidetierhaltung in der Region wenig Zukunft.“ Dagegen halten Tierschützer wie der Lüneburger Kreisvorsitzende des Nabu Thomas Mitschke: „Um die Probleme nachhaltig zu lösen, brauchen wir keinen Waffeneinsatz, keine sinnlosen Einzelabschüsse, sondern Sachverstand.“ Die Optimierung des Herdenschutzes und eine größtmögliche Unterstützung der Nutztierhalter habe weiterhin oberste Priorität.

Zwei Fronten, eine Forderung: Es muss etwas passieren im Umgang mit dem Wolf. Nur was? In Hannover arbeitet aktuell offenbar auch Niedersachsens neuer Umweltminister Olaf Lies (SPD) an einer eigenen Verordnung. „Wir sind beim Artenschutz für den Wolf in einer Phase angelangt, in der nicht das einzelne Tier oder Rudel entscheidend ist, sondern die Akzeptanz der Gesellschaft“, erklärt Ministeriumssprecherin Justina Lethen.

Stärkung der Wolfsberatungsstellen

Konkret sollen in Niedersachsen „eigene Regelungen geschaffen werden, die sich im geltenden europäischen Rechtsrahmen bewegen und den Umgang mit dem Wolf eindeutig regeln und ein konsequentes Handeln ermöglichen“, erklärt Lethen. Dabei wolle man auch die Brandenburger Regelungen betrachten. „Wenn Rinder nach guter fachlicher Praxis eingezäunt sind und trotzdem wiederholt von Wölfen angegriffen werden, müssen wir reagieren“, erklärt Lies.

Ob das bedeutet, dass auch Niedersachsen den Abschuss von Wölfen in Zukunft klarer regelt, lässt das Ministerium offen. Als geplante Maßnahmen nennt Sprecherin Lethen lediglich die Stärkung der Wolfsberatungsstellen mit weiterem fachkundigem Personal, die verstärkte Aufklärung der Bevölkerung sowie die bessere Förderung und Unterstützung von Tierhaltern.

Grundsätzlich lässt die Gesetzeslage einen Abschuss von Wölfen in Einzelfällen schon jetzt zu – bundesweit. Ein Beispiel ist der Abschuss von Problemwolf Kurti im April 2016. Auch wenn Wölfe nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind, gibt es Ausnahmen. Und zwar, wenn eine Gefahr von den Tieren ausgeht oder der wirtschaftliche Schaden unverhältnismäßig ist. Doch wann genau geht von einem Wolf eine Gefahr aus? Und wann ist ein Schaden unverhältnismäßig groß?

Der Abschuss als letztes Mittel

Das Land Brandenburg hat diese Fragen in seiner Verordnung nun klar definiert, versucht damit, „Einzelfallentscheidungen zu auffälligen Wölfen rechtlich besser abzusichern“, erklärt Ministeriumssprecher Dr. Jens-Uwe Schade. Wann und wie dürfen Wölfe verscheucht und etwa mit Gummigeschossen vergrämt werden? Wann dürfen Wölfe geschossen werden, wenn sie für Menschen oder wiederholt für Nutztiere zur Gefahr werden? Entscheiden mussten das bisher die Kreise, künftig prüft jeden Einzelfall anhand der Kriterien das Landesamt für Umwelt. Weiterhin gelte: „Das Töten eines Tieres ist außer bei aggressiven Wölfen letztes Mittel, wenn mildere Maßnahmen nicht zur Entspannung der Situation führen.“

Schäfer Erb würde eine ähnliche Verordnung in Niedersachen begrüßen, viel Hoffnung setzt er darauf aber nicht. „So ein Wolfsübergriff geht an die Substanz“, sagt er, „der Anblick der gerissenen Schafe, die zerstreuten Tiere zusammensuchen, das macht man nicht lange mit.“ Bevor da ein Wolf geschossen würde, „hat der Schäfer womöglich schon das Handtuch geschmissen“. Er selbst hatte gehofft, dass die Wölfe lernen, die Schutzzäune zu akzeptieren. „Doch jetzt springen die in allen Ecken des Landes drüber.“ Er seufzt. „Was soll da nun die Lösung sein?“

Ausbreitung

14 Rudel in Niedersachsen

In Niedersachsen steigt die Zahl der Wölfe seit Jahren. Nach Angaben des Umweltministeriums gab es im Monitoringjahr 2016/2017 (Stichtag 30. April 2017) im Land 10 Wolfsrudel, vier Wolfspaare und zwei Einzeltiere. Das Monitoringjahr 2017/2018 ist noch nicht abgeschlossen. Stand im November 2017 sind 14 Wolfsrudel, zwei Wolfspaare und zwei Einzeltiere. Bundesweit liegt die Zahl der Rudel laut Bundesamt für Naturschutz bei 60 Rudeln (Oktober 2017), 13 Wolfspaare und drei territoriale Einzeltiere. Die meisten leben in Brandenburg (22 Rudel) und Sachsen (14 Rudel).

Von Anna Sprockhoff