Montag , 21. September 2020
Der Angeklagte mit seiner Verteidigerin Wiebke Schröder, die auf maximal vier Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung plädiert hatte. (Foto: be)

Zwölf Jahre Haft für Messerstecher

Lüneburg. „Wer jemandem drei Mal in den Oberkörper sticht, will ihn umbringen.“ Das hielt Franz Kompisch, Vorsitzender Richter am Landgericht, einem 23-Jährigen aus dem Kreis Lüneburg vor. Der junge Mann hatte am frühen Morgen des 30. Juli 2017 mit einem 25 Zentimeter langen Klappmesser auf den Türsteher einer Stint-Disco eingestochen – laut Urteil aus Wut und Rache, weil er aus der Lokalität geschmissen wurde. Wegen versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke wurde der vor zwei Jahren nach Deutschland gekommene Algerier zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

„Er war stinksauer über den Rausschmiss, richtig wütend“

Dem Angeklagten hielt Kompisch vor: „Sie wollten Party machen, haben sich vor und in der Disco fürchterlich benommen. Sie haben anderen Gästen das Bier ausgetrunken, Frauen angetatscht, den Stinkefinger gezeigt.“ Gäste hätten sich beim Personal über ihn beschwert. Der 38 Jahre alte, „ihm körperlich weit überlegene“ Türsteher habe ihn dann beidhändig herausgeführt. Dann habe sich der 23-Jährige einige Meter entfernt.

Was dann geschah, schilderte der Richter so: „Er war stinksauer über den Rausschmiss, richtig wütend. In dem Moment traf er die Entscheidung: ,Jetzt bring‘ ich Dich um‘, das war sein Tötungsvorsatz. Er kam schnellen Schrittes auf den Mann zu, der noch vor der Tür der Disco stand, stach ihm drei Mal in den Körper, rannte dann weg.“

Das Opfer bemerkte erst gar nicht, dass es Messerstiche waren, ging zunächst von Schlägen aus. Erst als der Mann zurück in der Disco war, sah er die blutenden Wunden. Er kam zur Notoperation ins Klinikum. Franz Kompisch: „Die Stiche gingen mit sehr, sehr viel Glück zentimeterdicht an lebenswichtigen Organen vorbei.“ Die Wunden sind inzwischen verheilt, er leidet aber heute noch unter den psychischen Folgen, wie er vor Gericht ausgesagt hatte – als Türsteher arbeitet er nicht mehr.

Der Angeklagte wurde wenig später in Tatortnähe festgenommen. Er hatte in dem Prozess erklärt, er habe nur Party machen wollen, könne sich aufgrund seines Alkohol- und Kokain-Konsums an die Tat nicht mehr erinnern. Laut Urteil allerdings war er „zwar stark alkoholisiert, aber nicht besoffen“. Die Geschichte mit den Drogen, die er erst seit seiner Ankunft in Deutschland nehme, kaufte ihm das Gericht nicht ab, der Bluttest nach der Tat habe keine Hinweise darauf gegeben: „Und die Drogenmengen, die Sie uns angegeben haben, hätten Sie gar nicht bezahlen können.“

Die Drogensucht kauften die Richter ihm nicht ab

Mit der Strafhöhe entsprach das Schwurgericht der Forderung von Oberstaatsanwalt Jochen Kaup. Die Verteidigerin Wiebke Schröder hatte auf maximal vier Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung plädiert: „Er wollte nur zeigen, dass er sauer ist. In der kurzen Zeit hätte er keinen Tötungsvorsatz entwickeln können.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der 23-Jährige kann noch in die Revision vor den Bundesgerichtshof ziehen.

Von Rainer Schubert