Donnerstag , 24. September 2020
Zwischen Vögelsen und Mechtersen wird die Probebohrung für den dritten Vio-Brunnen vorbereitet. (Foto: phs)

Coca Cola ist in der Beweispflicht

Vögelsen/Lüneburg. Bei den vorbereitenden Bohrarbeiten für den Förderbrunnen bei Vögelsen hat Coca Cola eine kurze Pause eingelegt. Derweil hat der Landkreis Lüneburg als Genehmigungsbehörde dem Konzern mitgeteilt, dass in dem Erlaubnisverfahren eine umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt werden wird, um negative Auswirkungen auszuschließen. Coca Cola will aus über 200 Metern Tiefe bis zu 350 000 Kubikmeter (oder 350 000 000 Liter) reinen Grundwassers entnehmen für die Verdopplung seiner „Vio“-Getränkeproduktion. In einem Pressegespräch standen kürzlich Stefan Bartscht und Lutz Wolken vom Fachdienst Umwelt des Landkreises Lüneburg Rede und Antwort zu den Herausforderungen, Rahmenbedingungen und dem Verfahrensverlauf für das umstrittene Vorhaben, das den Landkreis noch über das Jahr 2018 hinaus beschäftigen dürfte.

Trinkwasserversorgung hat immer Vorrang

Der Konzern muss darauf achten, nicht in Konkurrenz zur Trinkwasserförderung zu geraten, indem er etwa zu nah an das Wasserwerk in Westergellersen heranrückt. Stefan Bartscht sagt: „Dann könnten sich auch die Auswirkungen auf Natur und Oberflächengewässer überlagern und verstärken.“ Ob und wie sich grundsätzlich mögliche Einflüsse der privatwirtschaftlichen Entnahme auf die öffentliche Trinkwasserversorgung auswirken, soll unter anderem über ein hydrogeologisches Gutachten geklärt werden, das vom Antragsteller Coca Cola in Auftrag gegeben wird. Dazu sagt Bartscht: „Die Gesetzeslage ist so, dass derjenige, der etwas will, erstmal in der Beweispflicht ist, dass sich sein Vorhaben nicht negativ auswirkt.“ Und grundsätzlich gilt: Trinkwasserversorgung hat immer Vorrang.

„Messen kann man erst, wenn richtig gefördert wird. Den Beweis, dass die Prognose zutrifft, muss man im Nachhinein antreten.“
Stefan Bartscht, Leiter Fachdienst Umwelt

Das Wasserwerk Westergellersen im Wasserbeschaffungsverband Lüneburg-Süd ist der bisher größte Wasserentnehmer in der Nähe des von Coca Cola angepeilten Förderbrunnens. Das Wasserwerk verfügt über vier Förderbrunnen, die 1,7 bis 1,8 Millionen Kubikmeter zur Trinkwasserversorgung dem Erdreich entnehmen. Weitere rund 400 000 Kubik werden vom kleineren Wasserwerk Amelinghausen aus dem gleichen Grundwasserkörper „Ilmenau Lockergestein links“ gefördert.

Die Mehrzahl der insgesamt 149 Wasserentnehmer im Einzugsgebiet von „Ilmenau Lockergestein links“ entfällt laut Bartscht auf den Bereich der Feldberegnung. Die Landwirte entnehmen dabei aus unterschiedlichen Tiefen das Grundwasser.

Grundwasser in unterschiedlichen Tiefen

Bartscht: „Im Bereich Bardowick zum Beispiel ist man relativ schnell im Grundwasser, da entnimmt man schon aus sieben bis 20 Metern Tiefe.“ Viele seien auch bei um die 50 bis 60 Metern aktiv, einige sogar bis 100 Meter. Dabei ist das Wasser aus den oberflächennäheren Grundwasserschichten wesentlich jünger. Coca Cola hingegen möchte aus einer Tiefe Wasser entnehmen, von dem auch das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) ein Alter von rund 1000 Jahren annimmt.

Lutz Wolken vom Fachdienst Umwelt ergänzt: „Dabei kann es auch sein, dass ein Landwirt, der Grundwasser aus 70 Metern Tiefe entnimmt, in der gleichen grundwasserführenden Schicht fördert, die an anderer Stelle vielleicht bis zu 140 Meter tief runter gehen kann.“ Also auch für Grundwasserleiter gibt es unterirdisch Berg und Tal. Alle Grundwasserkörper sind von Bodenschichten bedeckt – bei einigen sind es mehr, bei anderen weniger.

Unterstützung vom Gewässerkundlichen Landesdienst

Von dem Bereich, in dem Coca Cola fördern möchte, ist der Konzern laut Bartscht auch deshalb so begeistert, „weil man da eine große wasserführende Schicht hat, die gleichzeitig von einer großen Deckschicht aus Ton von äußeren Einflüssen gut geschützt ist“. Um im Genehmigungsverfahren zu ermitteln, ob negative Auswirkungen durch eine Förderung tatsächlich ausgeschlossen werden können, holt sich der Landkreis Unterstützung beim Gewässerkundlichen Landesdienst. Der sitzt auch in Lüneburg – beim NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz). Bartscht: „Das ist die Fachbehörde, die uns berät.“ Und die wiederum bedienten sich der Hydrogeologen des LBEG. Bartscht: „Und diese machen klare Vorgaben, was zu untersuchen ist und wie die Berechnungsmodelle zu erstellen sind. Sie sammeln die Bohrdaten und bewerten sie. Wenn keine abschließende Beurteilung möglich ist, muss der Antragsteller im Zweifel weitere Messbohrungen herunterbringen.“ Wolken: „Und wir können Nachforderungen an den Gutachter stellen.“

Doch letztlich bleibt laut Bartscht jedes Gutachten im Vorwege nur eine fundierte Prognose. „Messen kann man erst, wenn richtig gefördert wird. Den Beweis, dass die Prognose zutrifft, muss man im Nachhinein antreten.“ Auch deshalb müsse es rund um die angestrebte Förderung durch Coca Cola eine umfangreiche Beweissicherung geben. Auch für die Beweissicherung muss der Konzern weitere Messstellen einrichten. Ob die zusätzlichen Messbrunnen rund um den Förderbrunnen ausreichen werden, würde erst der spätere Pumpversuch ergeben, ergänzt Wolken.

Der geplante Pumpversuch hat zwei zentrale Aufgaben

Sobald der Förderbrunnen gebaut ist, verfolgt der geplante Pumpversuch zwei zentrale Aufgaben: Der Getränkehersteller kann darüber abschließend feststellen, ob die Förderstelle für seine Zwecke ergiebig genug ist und die Kreis- und Landesbehörden können die Reichweite der möglichen Auswirkungen besser abschätzen. Erst auf Basis jener Erkenntnisse wird dann in der Folge über eine Fördererlaubnis entschieden. Bartscht: „Wenn sich durch das Pumpen negative Auswirkungen feststellen lassen, dann muss man schauen, ob man die Fördermenge reduziert oder die Förderung gänzlich eingestellt werden muss.“ Dabei werden nicht nur die Aspekte Trinkwasserförderung, Naturschutz und Oberflächengewässer betrachtet, sondern auch Auswirkungen auf Land- und Forstwirtschaft.

Wenn zudem neben dem Gutachten die Ergebnisse von Umweltverträglichkeitsprüfung und Umweltbericht vorliegen, werden die Antragsunterlagen in den Kommunen ausgelegt: Dann können neben Behörden auch Einwohner dazu Einwendungen vorbringen. Bartscht: „Dann gibt es irgendwann einen Erörterungstermin und dann eine Entscheidung.“ Er gehe aber nicht davon aus, dass das Verfahren schon 2018 abgeschlossen wird.“

5,45 Millionen Kubik in Reserve

Im Bereich des Grundwasserkörpers „Ilmenau Lockergestein links“ vergeben Stadt und Kreis Lüneburg, die Kreise Harburg, Uelzen und zu einem kleinen Teil der Heidekreis Rechte zur Wasserentnahme. Zur besseren Bewirtschaftung verwalten die jeweiligen Behörden bestimmte Kontingente. Dem Landkreis Lüneburg stehen insgesamt 18,3 Millionen Kubikmeter in dem Bereich zur Verfügung. Stefan Bartscht, Leiter des Fachdienstes Umwelt beim Landkreis Lüneburg, sagt: „Davon haben wir im Moment 12,8 Millionen Kubik an Wasserrechten für unterschiedliche Zwecke verteilt.“

Und nach den Vorgaben des Landes, beispielsweise mit Blick auf die Wasserneubildungsrate, abzüglich Sicherheitsabschlägen für Trockenwetter und Klimawandel, stünde noch eine Dargebotsreserve von ungefähr 5,45 Millionen Kubikmeter zur Verfügung. Und davon möchte Coca Cola 350 000 Kubik entnehmen, zirka sechs Prozent der Dargebotsreserve. Alle Entnehmer, die über einer Bagatellgrenze liegen, entrichten an den Landkreis die Wasserentnahmegebühr, den sogenannten Wasserpfennig, der ans Land weitergereicht wird. dth

Von Dennis Thomas