Donnerstag , 1. Oktober 2020
Ist das die Zukunft für Lüneburg? Die KVG testet jetzt zwei Wochen lang Elektrofahrzeuge im Linienbetrieb (LZ berichtete). Sie könnten nach Ansicht von Oberbürgermeister Ulrich Mädge dazu beitragen, die Schadstoff-Emissionen in Lüneburg zu senken. Foto: lz/t&w

Das Problem mit den Elektrobussen

Lüneburg. Zu hohe Stickoxid-Emissionen, Fahrverbote, Chaos. So etwa könnte das Szenario aussehen, das Städten droht, sollten Gerichte schadstoffreiche Diesel-Fa hrzeuge tatsächlich schon bald an die Kette legen. Droht damit also auch Lüneburg ein Fahrverbot? „Nein“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Mädge, „unsere Innenstadt ist autoarm.“ Aber ist sie damit auch schadstoffarm? Allein den Platz Am Sande passieren Diesel-Busse wochentags nahezu im Minutentakt – und das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.

980 Mal steuern Busse den Sand wochentags an

„Die erforderliche Technik und Infrastruktur für die Umstellung auf Elektro-Busse ist derzeit nicht realisierbar“, sagt Oliver Blau, Marketingleiter der in Stade beheimateten KVG, die gemeinsam mit der Verkehrsbetrieb Osthannover GmbH (VOG) den Bus-Linienbetrieb in Stadt und Landkreis Lüneburg bedient. Blau reagiert damit auf die Ankündigung von Oberbürgermeister Ulrich Mädge, dass bis 2030 jeder zweite Linienbus elektrisch angetrieben sein soll, alle übrigen mindestens die dann höchste Abgasnorm erfüllen müssen (LZ berichtete).

„Selbst wenn die Technik ausgereift und die Infrastruktur vorhanden wäre, würde es Engpässe bei den Kapazitäten der Bus-Hersteller geben.“
Oliver Blau, Marketingleiter bei der KVG

143 Busse beider Unternehmen sind derzeit im Einsatz, Fahrzeuge, die laut KVG je nach Baujahr unterschiedliche Euro-Normen bei den Abgaswerten erfüllen. Das Problem: Lediglich 40 Prozent erfüllen den derzeit höchsten Standard Euro VI, „der Rest der Flotte erfüllt die Normen ab Euro III“, sagt Blau – deutlich zu wenig also, um bei einem Diesel-Fahrverbot den gewohnten Linienbetrieb aufrechterhalten zu können.

Regelmäßige Flottenerneuerung bei der KVG

Zwar erneuere die KVG ihre Flotte regelmäßig, doch schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen – die Anschaffungskosten pro Bus liegen bei 100 000 Euro aufwärts – gehe das immer nur schrittweise. Ein homogener Fuhrpark mit einheitlich niedrigen Abgaswerten wäre so also kaum möglich.

Die derzeit ältesten in Lüneburg fahrenden Busse sind laut KVG 17 Jahre alt. Auch wenn diese laut Blau nur zu Spitzenzeiten eingesetzt werden, dürfte der Schadstoffausstoß der Gesamtflotte allein schon durch die zahlreichen täglichen Fahrten erheblich sein. Allein der Platz Am Sande wird wochentags 980 Mal angesteuert.

Wie hoch die Schadstoffwerte in Lüneburgs stark frequentiertem Zentrum genau sind, ist von der Stadt nicht zu erfahren. Sie verweist stattdessen auf Messungen mit dem vom Land installierten Lufthygienischen Überwachungssystem Niedersachsen (LÜN). Nur: In Lüneburg befindet sich die Messstation nicht dort, wo die Menschen besonders stark von Schadstoffen belastet sind, sondern weitab der Innenstadt am Flugplatz. Dort sei es bislang nicht zu unzulässigen Grenzwertüberschreitungen gekommen, sagt Stadtpressesprecher Daniel Gritz.

Geld nur für Städte mit Grenzwertüberschreitungen

Mädge will sich dennoch für besssere Luft in Lüneburgs Innenstadt einsetzen, dazu gehört auch die Anschaffung von Elektrobussen. Da dies aber die Finanzkraft der KVG deutlich übersteigen dürfte, hofft Mädge auf Finanzhilfen von Bund und Land. Als hätte Berlin den Lüneburger Appell vernommen, wurde kürzlich eine Milliarde Euro für die Verbesserung der Luft in deutschen Städten angekündigt.

Zwar würden auf Niedersachsen davon laut Stadt rund 90 Millionen Euro entfallen, ob aber auch Lüneburg von dem Geldsegen profitieren kann, ist ungewiss. Denn bedient werden vornehmlich Städte, in denen die Grenzwerte überschritten werden: Braunschweig, Hannover, Oldenburg. „Man muss sehen, wie viel übrig bleibt von dem Geld. Aber Städtetag und Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen sind sich einig, dass für alle Geld da sein muss, auch und gerade für präventive Maßnahmen. Das wird sicherlich ein Gesprächspunkt mit der neuen Landesregierung sein“, sagt Mädge. Er hofft daher auf eine zweite Milliarde, „und von der hätten wir dann aber auch gerne etwas ab“.

Ob zusätzliches Geld bei der Beschaffung emissionsarmer Busse helfen wird, ist laut KVG noch nicht ausgemacht: „Selbst wenn die Technik ausgereift und die Infrastruktur vorhanden wäre, würde es Engpässe bei den Kapazitäten der Bus-Hersteller geben“, ist Oliver Blau überzeugt.

Von Ulf Stüwe