Freitag , 25. September 2020
Anna Levedag muss künftig einen 1,40 Meter hohen Zaun aufbauen, der die Schafe besser vor Wolfsangriffen schützen soll. Foto: lz/be

Trotz Vorkehrungen: Tierhalter beklagen Schafriss

Vogelsang/Wendhausen. Anna und Oliver Levedag haben alles richtig gemacht. Jedenfalls glaubten das die beiden Schafhalter noch bis vor Kurzem: Ein 90 Zentimeter hoher Zaun, zusätzlich verstärkt durch eine stromführende Litze, sollte für den nötigen Wolfsschutz sorgen. Doch trotz dieser Vorkehrungen wurde jetzt ein Schaf gerissen. Der endgültige DNA-Beweis steht zwar noch aus – aber Oliver Levedag ist sich sicher, dass es der Wolf war, der zugeschlagen hat. Denn dieses Mal gibt es Augenzeugen.

Wölfe kommen zum Mittag

Die Vogelsangerin Sibylle Hanelt war um die Mittagszeit in ihrer Küche zugange, als sie beim Blick aus dem Fenster bemerkte, dass die Schafherde aufgeregt auf und ab lief. „Da habe ich den Grund für die Aufregung entdeckt. Zwei Wölfe versetzten die Herde in Aufruhr“, berichtet die 63-Jährige. Als sie auf die Straße läuft, entfernen sich die beiden Grautiere Richtung Feldmark. Auch wenn sich das Wolfsbüro des Landes aufgrund des noch ausstehenden DNA-Beweises zurückhaltend äußert, ist sich nicht nur Hanelt sicher, am helllichten Tage zwei Wölfe keine 200 Meter von der Ortsgrenze entfernt auf Beutezug gesehen zu haben.

Auch der ehemalige Kreisjägermeister Hans-Heinrich Dützmann aus Vogelsang hat keine Zweifel: „Das waren Wölfe. Das Drumherum spricht dafür.“
Die Rückkehr der Wölfe stellt Anna und Oliver Levedag vor massive Existenzprobleme: 2012 haben sich die beiden mit ihrer Schafskäserei selbstständig gemacht (LZ berichtete). „Wir halten die Tiere das ganze Jahr über im Freien, nur zum Lammen holen wir sie in den Stall“, berichtet Anna Levedag. „Wir sind ein Bio-Betrieb mit 43 Mutterschafen und etwa genauso vielen Lämmern.“

Empfehlung für höheren Schutzzaun

Anna Levedag ist mit ihren 1,60 Meter Körpergröße eine zierliche Person: Schon das Aufstellen der 90 Zentimeter hohen Zäune bedeutet für die Schäferin einen Kraftakt. Jetzt aber soll sie auf Empfehlung von Wolfsberater Uwe Martens einen 1,40 Meter hohen Zaun stellen. „Das ist unhandliche Schwerstarbeit“, sagt Levedag. Zudem sei der Zaum windanfälliger, je höher er ist. Trotzdem ist sie froh, dass der Zaunschutz so schnell und unkompliziert auf Mertens Initiative hin vom Wolfsbüro des Landes zur Verfügung gestellt wird.

Martens, der bei den Levedags vor Ort war und den Riss untersucht hat, ist sich sicher, dass der Wolf über den bis dato 90 Zentimeter hohen Zaun gesprungen ist. „Wir können von Glück reden, dass wir nur ein Schaf verloren haben“, sagt Oliver Levedag. Die Wolfsexperten hätten es auch schon erlebt, dass in solchen Fällen eine ganze Herde wie im Blutrausch getötet worden sei.

„Wir als Tierhalter haben weniger Rechte als der Wolf.“
Oliver Levedag, Schafhalter

Freuen kann sich Oliver Levedag nicht über sein „Glück im Unglück.“ Denn die Angst, dass die Wölfe zurückkehren und erneut in die Herde einbrechen, die bleibt. Zumal in den vergangen Tagen auch andernorts Risse gemeldet wurden. In Wendhausen etwa wurden am Montag drei Mufflons tot aufgefunden. Auch hier gilt der Wolf als Hauptverdächtiger. Auch in Neu Neetze auf dem Hof von Ingrid Baginski wurden vor wenigen Tagen Schafe getötet – „zwei auf der Wiese, eines im Stall“, berichtet sie gegenüber der LZ. „Jetzt sperren wir die Tier nachts ein und lassen sie morgens wieder raus.“ In der Hoffnung, dass der Wolf sich wengistens tagsüber von den Schafherden fernhält.

Doch spätestens seit den Vorkommnissen in Vogelsang weiß Oliver Levedag, dass dies eine trügerische Hoffnung ist. „Das ist für uns der GAU“, sagt Levedag und fügt bitter hinzu: „Wir sind ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, setzen mit unserer Konzeption das um, was die Umwelt-Politiker immer fordern.“ Jetzt fühlt er sich von diesen Politikern im Stich gelassen: „Wir als Tierhalter haben weniger Rechte als der Wolf“, klagt er: „Natürlich können wir höhere Zäune aufstellen, Herdenschutzhunde anschaffen und noch häufiger die Herden kontrollieren.“ Doch das koste viel Personal und noch mehr Geld. „Kosten, die mir keiner erstattet“, sagt Levedag: „Die Menschen werden sich letztlich entscheiden müssen, was sie wollen. Fleisch und Käse aus großindustrieller Massenproduktion? Oder aus einer tiergerechten Produktion, wie wir sie betreiben?“ Nur wie lange noch – diese Frage stellt sich Levedag angesichts des Wolfes immer drängender.

Von Klaus Reschke

Rat des Wolfsbüros: Herdenschutz

In den Landkreisen Diepholz und Vechta gab es in jüngster Zeit Vorfälle, bei denen Wölfe feststehende Zäune überklettern konnten. Um dies zu verhindern, empfiehlt das Wolfsbüro des NLWKN, Festzäune zusätzlich mit einer stromführenden Litze, zum Beispiel Glattdraht oder noch besser Breitbandlitze, oberhalb des Zauns oder im oberen Teil außen am Zaun zu versehen.

Bereits seit Ende 2016 rät das Wolfsbüro den Tierhaltern in der Region, den vom Land Niedersachsen empfohlenen Mindestschutz, einen elektrisch geladenen Nutzgeflecht- oder Litzenzaun in Höhe von mindestens 90 Zentimetern, mit sogenannten „Flatterbändern“ auf 120 oder noch besser auf 140 Zentimeter zu erhöhen. Festzäune gelten in der „Richtlinie Wolf“ ab einer Höhe von 120 Zentimetern und mit einem Untergrabeschutz als wolfsabweisend.

Verkehrsunfall: Toter Rüde an A 7

In Niedersachsen ist erneut ein toter Wolf aufgefunden worden. Der leblose Rüde wurde am frühen Morgen des 4. Dezember auf der Autobahn A7 in Richtung Hamburg auf dem Parkplatz der Raststätte Seevetal hinter der Leitplanke entdeckt und der Autobahnmeisterei gemeldet.

Aufgrund der Spurenlage geht die Polizei von einem Verkehrsunfall aus. Das Wolfsbüro des NLWKN veranlasst den Transport des toten Wolfs zum Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) nach Berlin. Das IZW untersucht den Kadaver, ermittelt die genaue Todesursache und stellt den Allgemeinzustand des Tieres fest.

Zudem schickt das Institut Gewebeproben des toten Wolfs zur Feststellung des genetischen Fingerabdrucks an das Senckenberg-Institut in Gelnhausen bei Frankfurt. Damit kann unter anderem ermittelt werden, zu welchem Rudel der Wolf gehörte. Wie berichtet, wurde auch am 1. Dezember in der Gemarkung Walsrode auf der A 27 (Heidekreis) ein Wolf durch einen Verkehrsunfall getötet.