Mittwoch , 23. September 2020
Im Gespräch mit der LZ erläutert Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Wohnungsbaupläne der Stadt. Foto: lz/t&w

„Wir können uns keine Verzögerungen leisten“ — Interview zum Wohnnungsbauprogramm

Lüneburg. Knapper Wohnraum, steigende Mieten, diese Situation findet sich bundesweit in vielen Kommunen. Die Stadt Lüneburg hat deshalb vor zwei Jahren ein Wohnnungsbauprogramm angekündigt. Danach sollen bis 2021 rund 2100 Wohnungen entstehen, davon 700 für kleine und mittlere Einkommen. Der Rat hatte das Konzept mehrheitlich abgesegnet, Monate später ein Wohnungsbauförderprogramm beschlossen. Doch was wurde davon inzwischen realisiert? Die LZ hat bei Oberbürgermeister Ulrich Mädge nachgefragt.

Interview

▶Herr Mädge, laut NBank (siehe Text rechts) besteht in Lüneburg bis 2020 ein zusätzlicher Bedarf von 3400 Wohnungen, bis 2025 müssten weitere 1100 geschaffen werden. Wie viel konnte im Rahmen des Wohnungsbauprogramms schon umgesetzt werden?

Oberbürgermeister Ulrich Mädge: Bisher hat sich vor allem die Lüneburger Wohnungsbaugesellschaft engagiert und insgesamt 69 Wohnungen am Meisterweg und an Elisabeth-Maske-Straße gebaut. Außerdem hat sie damit begonnen, 52 Wohnungen Auf der Höhe zu bauen. An der Elisabeth-Maske-Straße haben wir außerdem die 36 Wohnungen der Stiftung zum Großen Heiligen Geist. Am Venusberg baut ein privater Investor 20 Wohnungen, davon neun geförderte. Vergeben werden diese Wohnungen an Menschen mit Wohnberechtigungsschein, wobei man wissen muss, dass die Grenze dafür immerhin bei um die 60 000 Euro Jahreseinkommen netto liegt bei Ehepaaren mit zwei oder drei Kindern.

▶Das heißt, zum Zuge kommen hier nicht nur Menschen mit geringem Einkommen.
Ja. Es sind eben auch Facharbeiter, Verkäuferinnen, Handwerker und andere, die dringend Wohnraum suchen, der für sie bezahlbar ist

▶Addiert man alles, ist die Zielmarke 700 im geförderten Wohnungsbau aber noch längst nicht erreicht.
Um den Bedarf sicher zu stellen, war unsere Planung von Anfang an, dass die Neubaugebiete Hanseviertel III, Am Raderbach (Ebensberg) sowie Am Wienebütteler Weg entstehen sollen. Bei den ersten beiden Neubaugebieten soll der Anteil des geförderten Mietwohnungsbau bei 30 Prozent liegen, bei der Fläche Am Wienebütteler Weg, die der Stadt gehört, sind es 40 Prozent. Das Konzept wurde im Frühjahr 2016 mehrheitlich vom Rat beschlossen.

▶Für das geplante Neubaugebiet am Wienebütteler Weg wurde jüngst der Aufstellungsbeschluss geschoben, weil sich die Politik erst einmal ein gesamtstädtisches Klimagutachten ausbedingt. Damit werden Sie die zeitliche Zielmarke 2021 wohl kaum noch rechtzeitig erreichen?

Wir haben auf Wunsch der Politik 2016 ein teilräumliches Klimagutachten eingeholt und eine umfangreiche Bürgerbeteiligung vorgenommen. Das Gutachten, das wir haben, analysiert die klimatische Situation vom Westen der Stadt bis in die Innenstadt. Insofern verstehe ich den Beschluss noch länger zu warten überhaupt nicht. Wir müssen dieses Neubaugebiet möglichst zügig entwickeln, zumal sich die Umnutzung der Flächen für das Hanseviertel III seitens des Bund hinzieht. Die Fläche Wienebütteler Weg ist im Besitz der Stadt, wir selbst können die Grundstückspreise bestimmen und mit der Erschließung beginnen, und das Klimagutachten macht klare Vorgaben, wie wir dort bauen sollten. Die Flächen wollen wir nicht an Bauträger vergeben, sondern zum Beispiel an mittelständische Unternehmen, die Wohnraum für ihre Mitarbeiter schaffen wollen. Die Lüwobau wird bis zu 120 Wohnungen schaffen für Mietpreise von 5,60 bzw. 7 Euro pro Quadratmeter. Zudem sollen sich dort Wohngruppen ansiedeln können. Ein Drittel der Fläche ist für Einfamilien- und Reihenhäuser gedacht. Mit der Entwicklung der drei Neubaugebiete können wir die Zielmarke 2021 noch schaffen, aber wir können uns keine Verzögerungen mehr leisten.

▶Kritiker befürchten, dass in den geplanten Neubaugebieten Wohnklötze entstehen, um den Bedarf zu decken.

Die Mehrparteienhäusern sind maximal dreigeschossig mit Staffelgeschoss geplant nach dem Vorbild Hanseviertel oder auch Gebäuden aus den 1950er-Jahren wie zum Beispiel am Kreideberg. Selbstverständlich barrierefrei. Wir müssen dafür sorgen, dass wir den unterschiedlichen Bedürfnissen von Menschen gerecht werden. Das heißt, einen Mix von Geschossbauten, Einfamilien- und Doppelhäusern vorhalten. Aus meiner Sicht sollten wir aber nicht auf Teufel komm raus verdichten.

▶Allein die Lüwobau hat eine Warteliste mit 1100 Personen. Ist da die Schaffung von 700 Wohnungen im bezahlbaren Segment nicht viel zu niedrig angesetzt?

Die Warteliste der Lüwobau ist nur ein Indiz. Wir brauchen auch Wohnungen für an die 500 anerkannte Flüchtlinge, die immer noch in unseren Unterkünften wohnen. Und wir haben Zuzug aus dem Umland. Insofern haben Sie Recht. Aber man muss sehen, woher wir kommen. Unser Wohnungsbauprogramm basiert auf der Gewos-Studie, die einen Bedarf bis 2030 von rund 4700 Wohnungen sieht. Wir haben uns erst einmal knapp die Hälfte vorgenommen. Das war 2015. Seither hat sich der Bedarf deutlich weiter entwickelt – nur beim Angebot geht es kaum voran. Übrigens erst recht nicht im Landkreis, zumindest nicht im geförderten Wohnungsbau.

▶Finden sich überhaupt private Investoren, die Projekte für günstigen Mietraum bauen wollen? Welchen Anreiz gibt es für diese, zumal höher- und hochpreisige Wohnungen in Lüneburg schnell vom Markt sind?

Durch die Bebauungspläne für die Neubaugebiete können wir einen Anteil von bis zu 30 Prozent gefördertem Wohnungsbau festsetzen. Der Anreiz liegt darin, dass sie darüber hinaus aber ihre Projekte – gemäß dem, was im Bebauungsplan des Weiteren festgesetzt ist – umsetzen können.

▶Gibt es schon Anwärter auf das Wohnungsbauförderprogramm und wie viel wurde inzwischen abgefragt?

Im Topf unseres kommunalen Programms sind pro Jahr 500 000 Euro. Nachdem es im vergangenen Jahr aufgelegt wurde, sind inzwischen insgesamt 510.000 Euro an die Lüwobau und zwei private Investoren geflossen beziehungsweise bewilligt. Es gibt auch weitere Anfragen und es stehen weitere Fördermittel bereit, aber im Moment fehlen die Flächen, um die Projekte umzusetzen.

▶Laut dem jüngst in der LZ veröffentlichten Bericht eines Immobiliendienstleisters drängen immer mehr Externe auf den Lüneburger Wohnungsmarkt. Die Folge: Die Preisspirale geht weiter nach oben, doch der Bedarf wird nie gedeckt. Wo sehen Sie die Grenze des Bauens in Lüneburg?

Insgesamt ist ein Zuzug in die Städte zu beobachten aufgrund der guten Infrastruktur. Für Lüneburg habe ich bereits in den 90er-Jahren gesagt, dass ich bei rund 80 000 Einwohnen ein Ende des Wachstums sehe. Das hat mit den Flächen zu tun, die noch als Neubaugebiete ausgewiesen werden können. Wenn aber nicht genug Wohnraum zur Verfügung steht, steigen die Mieten. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer steuernden Regional- und Landesplanung, über die zum Beispiel ein modernes Mobilitätsangebot sowie eine gute Gesundheitsversorgung in der Fläche sichergestellt werden. In dem Zusammenhang befürworte ich die Pläne für eine stärkere Nutzung der Bahnstrecke nach Bleckede, an der entlang dann auch Mietwohnungsbau entwickelt werden sollte. Mit einer guten und schnellen Anbindung für Pendler nach Lüneburg oder auch weiter nach Hamburg haben auch Regionen im Umland eine Zukunft und gewinnen an Attraktivität bei Wohnungssuchenden wie bei mittelständischen Unternehmen.

Von Antje Schäfer