Freitag , 25. September 2020
Was braucht ein Pferd für ein tiergerechtes Leben? Das regeln offiziell die Leitlinien des Bundesministeriums. Foto: lz/phs

Tierschutz nimmt Pferde ins Visier

Luhmühlen. Mittwoch, kurz vor 20 Uhr, Auftaktabend der monatlichen Züchterstammtische in der Luhmühlener Gaststube „Zum Peerkieker“. Knapp 40 Zuhörer sind gekommen, Pferdezüchter, Pferdehalter, Pensionsstallbetreiber – genau diejenigen, die Jürgen Stuhtmann als Vorsitzender des Reit- und Pferdezuchtvereins Luhmühlen erreichen möchte. Seine Mission an diesem Abend: Er will vorwarnen, die Leute vorbereiten auf eine neue Zeit in der Pferdehaltung. „Der Tierschutz“, sagt er, „rückt auch in der Pferdehaltung immer mehr in den Fokus.“ Darauf müsse man vorbereitet sein. „Die werden kommen! Und die werden kontrollieren!“

Leitlinien für die Pferdehaltung

Wie ein Pferd gehalten werden muss, regeln in Deutschland die Leitlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Doch obwohl die bereits seit November 1995 gültig sind, kennt sie längst nicht jeder Pferdehalter. Stuhtmann hat sich deshalb entschieden, Ulrike Struck von der Bezirksstelle Uelzen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen einzuladen. Eine Fachfrau für die gesetzlichen Anforderungen an die Pferdehaltung. Sie präsentierte die wichtigsten Punkte der Leitlinien. Und sie bestätigte Stuhtmanns Einschätzung: „Lange hat sich keiner um die Leitlinien gekümmert, der Fokus lag auf Rindern, Schweinen, Geflügel, nicht auf Pferden.“ Doch die Zeiten änderten sich. 

 

 

„Das sind alles Dinge, die verboten sind. Und die man trotzdem noch sieht.“
Ulrike Struck, Landwirtschaftskammer

Veterinäramt steuert die Kontrollen

Struck ist überzeugt: Vieles, was bisher durchgegangen ist, wird in Zukunft nicht mehr geduldet. Reitställe zum Beispiel, die keinen einzigen Auslauf für ihre Pferde haben. Boxen, die so klein sind, dass sich ein Pferd nicht richtig hinlegen kann. Ponys, die jahrelang allein gehalten werden. „Das sind alles Dinge, die eigentlich verboten sind. Und die man trotzdem noch sieht. Und zwar gar nicht mal so selten.“

Wie streng die Pferdehaltungen tatsächlich kontrolliert werden, hängt offenbar vor allem von dem Veterinäramt vor Ort ab. „Wir kontrollieren anlassbezogen“, erklärt die Pressesprecherin im Kreis Lüneburg, Katrin Holzmann. Das passiere relativ häufig. „Wir können aber nicht bestätigen, dass die Kontrollen in letzter Zeit verstärkt stattfinden.“

Stuhtmann hingegen berichtete, dass Niedersachsens Noch-Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) die Veterinärämter aufgefordert habe, verstärkt auch Pferdehaltungen zu kontrollieren. Ob das stimmt und wie sich das Ministerium zu dem Thema positioniert, konnte die zuständige Pressestelle gestern bis Redaktionsschluss nicht beantworten. Stuhtmann und Struck allerdings ließen keine Zweifel daran: Tierschutz in der Pferdehaltung rückt zunehmend in den Fokus.

In vielen Ställen handlungsbedarf

27 Seiten umfassen die „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“, erklären die Natur des Pferdes – und welche Anforderungen sich daraus für die Haltung ergeben. Wie groß muss eine Box sein? Wie viele Stunden am Tag muss sich ein Pferd frei bewegen können? Wie muss es betreut und gepflegt werden? Wie müssen die unterschiedlichen Haltungssysteme gestaltet sein, welche Bedingungen Ausläufe, Böden und Ställe erfüllen? Auch die Beschaffenheit von Zäunen sind darin klar geregelt. „Stacheldraht zum Beispiel ist defintiv verboten“, sagt Struck, „und trotzdem sieht man ihn auf vielen Pferdeweiden in Deutschland nach wie vor.“

Die Referentin für Pferdezucht und -haltung sieht in vielen Ställen Handlungsbedarf. „Doch das liegt auch daran, dass die meisten Stallplätze einfach viel zu billig sind.“ Zu Preisen von 200 Euro monatlich lasse sich schwer jede Anforderung an eine tiergerechte Pferdehaltung bezahlen. „Auch das muss sich dringend ändern.“

Von Anna Sprockhoff