Donnerstag , 22. Oktober 2020
Regina Rheinwald kämpft seit Jahren gegen Missstände im Umgang mit Pferden. 2015 kritisierte sie in ihrem Buch brutale Reitweisen, nun greift sie Probleme in Pensionsställen auf. Foto: lz/t&w

Pferdehaltung: Soderstorfer Autorin schreibt über Missstände im Stall

Soderstorf . Seit Jahren verfolgt Regina Rheinwald ein Ziel: Sie will Missstände in der Pferdeszene aufdecken. Bereits ihr Buch über das „System Gewalt gegen das Pferd“ sorgte Ende 2015 in der Region für hitzige Diskussionen (LZ berichtete), nun hat die Soderstorferin ein weiteres heißes Eisen angefasst: die „Servicewüste Pensionsstall“. Über das Internet und im persönlichen Gespräch hat sie Pferdebesitzer aus ganz Deutschland nach ihren Erfahrungen als Einsteller befragt – mit alarmierendem Ergebnis, meint sie.

Verschimmeltes Heu, zu wenig Futter, eingefrorenes Wasser, Pensionsstallbetreiber zwischen Service und Versagen – „das alles musste einmal öffentlich gemacht werden!“, sagt Rheinwald.

Anonym die eigene Geschichte erzählen

Allen Befragten sicherte die Autorin Anonymität zu. „Nur deswegen“, glaubt sie, „trauten sich einige, ihre Geschichte zu erzählen.“ Zweifel an den Schilderungen ihrer Gesprächspartner hat die 60-Jährige nicht, „als ehemalige Pferdebesitzerin und Reitstallbetreiberin habe ich selbst so einiges erlebt“, erklärt sie. Dennoch sei sie mitunter schockiert gewesen, wie schlecht es in einigen Pensionsställen um das Wohl der Pferde bestellt zu sein scheint. „Als ich mich mit dem Thema beschäftigte, da brach diese ganze Unzufriedenheit der Einsteller regelrecht über mich herein.“

Eine Einstellerin berichtet, dass ihr Pferd in einem Stall nicht mal genug Wasser bekommt. Andere schicken Fotos von verschimmeltem Heu und Stroh, klagen über falsche Fütterung, mangelhafte Hygiene oder haltungsbedingte Krankheiten. Rheinwalds Fazit am Ende der Recherchen: „Gute, pferdegerechte Ställe sind Mangelware. Ist der Service gut, mangelt es oft an der pferdegerechten Unterbringung. Ist diese gut, gibt es oft eklatante Mängel im Service.“

Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen

Im Landkreis Lüneburg sind dem Veterinäramt insgesamt 6933 Pferde und 1181 Pferdehaltungen gemeldet. Welche Anforderungen die Unterbringungen erfüllen müssen, steht in den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesetzpunkten vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ein Gesetz oder eine Verordnung wie bei Schwein oder Rind gibt es für die Pferdehaltung nicht. „Trotzdem sind die Leitlinien für jeden Pferdehalter bindend“, sagt die Fachreferentin für Pferdezucht und -haltung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Ulrike Struck. „Denn wenn Gerichte über eine Pferdehaltung entscheiden müssen, ziehen sie genau diese Leitlinien heran.“

Dass längst nicht alle Pferdeställe den Anforderungen entsprechen, erlebt auch Struck in ihrem Arbeitsalltag immer wieder. „Da gibt es ein Problem, ohne Frage“, sagt sie. Schuld daran sind aus Sicht der Fachreferentin allerdings nicht allein die Pensionsstallbetreiber. „Gerade Pferdehalterinnen sind oft sehr schwierige Wesen, das macht das Miteinander nicht unbedingt einfacher“, berichtet sie. Ein weiteres Problem seien aus ihrer Sicht die viel zu niedrigen Preise, die in Pensionställen verlangt werden. „Ich vermute, dass 80 Prozent der Stallbesitzer mit den Pferden kein Geld verdienen.“

„Billig geht nicht!“

Auch Regina Rheinwald greift die Kritik in ihrem Buch auf und schreibt sehr deutlich: „Billig geht nicht!“ Nach ihren Berechnungen müssten die Preise für eine Vollpension bei mindestens 500 bis 600 Euro monatlich liegen, „um dem Stallbetreiber ein wenig Luft nach oben und Gewinn übrig zu lassen“. Fachreferentin Struck kalkuliert nicht ganz so üppig, ist aber ebenfalls überzeugt: „Um wirtschaftlich zu sein und auch mal zu investieren, ist eine monatliche Stallmiete von 400 bis 500 Euro notwendig.“ Gezahlt werde im Schnitt aber maximal die Hälfte. „Daran sieht man: Das Problem ist durchaus komplex.“

Auch Rheinwald belässt es in ihrem Buch nicht bei der Kritik an Pensionsstall-Betreibern, sie spricht auch mit Rechtsanwälten, Stallbesitzern und gibt Pferdehaltern Tipps mit auf den Weg sowie eine Checkliste zur Stallsuche. Ihre Hoffnung: „Es ändert sich etwas. Und zwar nicht nur im Pferdesport, sondern auch in der Pferdehaltung.“

Das Buch „Servicewüste Pensionsstall? Wenn Pferdebesitzer zu Wandereinstellern werden“ gibt es im Buchhandel oder direkt unter www.rheinwald-verlag.de

Von Anna Sprockhoff

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Pferde und 1181 Pferdehaltungen im Landkreis Lüneburg sinddem Veterinäramt gemeldet.