Sonntag , 27. September 2020
Die Erneuerbare-Energien-Umlage soll 2018 sinken. Ob das positive Auswirkungen auf die Haushalte hat, ist fraglich – denn die Netzentgelte werden wohl deutlich teurer. Foto: A/lz/t&w

Noch nie war Strom so teuer

Lüneburg. Noch nie zuvor mussten Verbraucher so viel für Strom bezahlen wie in diesem Jahr: Der Preis für eine Kilowattstunde (kWh) hat laut den Tarifexperten des Preisvergleichsportals Verivox mit 28,18 Cent im bundesweiten Jahresmittel ein neues Rekordhoch erreicht. Das trifft natürlich auch Kunden in der Lüneburger Region, hier gibt E.on-Pressesprecher Maximilian Heiler den Preis für eine Kilowattstunde mit 27,85 Cent beim Tarif KlassikStrom, 28,80 Cent für SolarStrom und 31,65 Cent für PremiumStrom an.

Eine Erhöhung sei „zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar“, aber auch nicht ausgeschlossen. Heiler sagt: „E.on wird die weitere Kostenentwicklung in den kommenden Wochen untersuchen. Der Strompreis setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen, da­runter die EEG-Umlage für Erneuerbare Energien und die Netzentgelte. Letztere werden zum Jahresende feststehen.“

Strompreis bundesweit gestiegen

Gegenüber dem Vorjahr hat sich Strom laut Verivox bundesweit um durchschnittlich knapp 3 Prozent verteuert. Für eine dreiköpfige Familie mit einem Verbrauch von 4000 kWh ist das gleichbedeutend mit Mehrkosten in Höhe von rund 30 Euro. Auf Fünfjahressicht beläuft sich der Preisanstieg auf 13 Prozent (+ 130 Euro), in der Zehnjahresbetrachtung auf über 38 Prozent (+ 313 Euro). Bei diesem Verbrauch von 4000 kWh zahlen E.on-Kunden in und um Lüneburg 1233 Euro pro Jahr (ohne den Bonus, den Neukunden erhalten und der in diesem Tarif bei 339 Euro liegt).

Maximilian Heiler hält den von Verivox genommenen Verbrauchswert für deutlich zu hoch angesetzt: „Der durchschnittliche Verbrauch in Niedersachsen in einem Drei-Personen-Haushalt liegt bei 2530 kWh.“ Und da würden 815 Euro anfallen. E.on hatte die Preise zuletzt zum 1. Mai 2017 erhöht. Der Konzernsprecher begründet: „Nachdem zum Jahreswechsel 2016/2017 verschiedene staatlich verursachte Abgaben und Umlagen wie die EEG-Umlage oder die staatlich regulierten Netzentgelte auf ein neues Rekordniveau gestiegen waren, konnte sich auch E.on der Kostenentwicklung nicht länger entziehen und musste die Strompreise anpassen.

Ökostrom-Umlage für Strom aus Windkraft und Sonne sinkt

Obwohl E.on für seine Kunden Vorteile bei der Strombeschaffung erwirtschaften konnte, konnte der gestiegene Anteil nicht beeinflussbarer Kostenfaktoren damit nicht vollumfänglich ausgeglichen werden.“ Für das Beispiel des Drei-Personen-Haushaltes mit den 2500 kWh habe das eine Kostensteigerung von sechs Euro bedeutet, also 72 Euro im Jahr.

Grundsätzlich bildeten sich die Preise am Markt und im Wettbewerb, Heiler legt aber Wert auf folgende Feststellung: „Der Anteil am Strompreis, den Versorger wie E.on selbst beeinflussen können, liegt aber mittlerweile bei nur noch einem Fünftel. Rund 80 Prozent bestehen aus Netzentgelten, Steuern und Umlagen. Insbesondere die Netzentgelte des Übertragungsnetzbetreibers Tennet wirken sich hier aus.“

Die Ökostrom-Umlage, die zum Jahreswechsel um 8,3 Prozent auf 6,88 Cent pro Kilowattstunde angehoben wurde, und die Kosten für die Stromnetze machen mehr als 50 Prozent des Strompreises aus. Erstmals seit 2015 sinkt die Ökostrom-Umlage für Strom aus Windkraft und Sonne im nächsten Jahr leicht um 0,088 auf 6,792 Cent pro Kilowattstunde. Das hatten die vier großen Netzbetreiber vor zwei Wochen mitgeteilt.

Damit ist die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz 1,3 Prozent niedriger als in diesem Jahr. Was das am Ende für die Haushalte bedeutet, ist noch unklar – es hängt davon ab, was die Energiekonzerne an Kunden weitergeben. Experten gehen davon aus, dass die Verbraucher auf keine Entlastungen hoffen können – denn durch den Ausbau der Stromtrassen werden die Netzbetreiber ihre Netzentgelte wohl deutlich erhöhen.

Von Rainer Schubert

Hintergrund: Sparen durch Anbieterwechsel

Eine dreiköpfige Familie, die heute aus der Grundversorgung zum günstigsten Tarif mit verbraucherfreundlichen Bedingungen wechselt, entlastet die Haushaltskasse laut Verivox aktuell um 404 Euro. Vor zehn Jahren habe dieselbe Familie mit einem Wechsel nur halb so viel gespart, nämlich 200 Euro pro Jahr.

Gleichzeitig haben Verbraucher eine größere Auswahl: Während sie 2007 zwischen durchschnittlich 33 Anbietern pro Postleitzahl wählen konnten, sind es aktuell 171 Anbieter. „Der Wettbewerbsdruck ändert zwar nichts an den hohen Abgaben auf Strom. Dennoch können Verbraucher durch einen Wechsel des Anbieters an sinkenden Beschaffungspreisen teilhaben und so ganz einfach ihre Stromrechnung senken“, sagt Matthias Köster-Niechziol von Verivox.

Zwar ist Strom in den letzten zehn Jahren flächendeckend teurer geworden – aber nicht überall gleich stark. Besonders groß war der Strompreisanstieg laut Verivox in den Stadtstaaten Hamburg (49 Prozent) und Berlin (48 Prozent). Überdurchschnittlich teurer wurde es außerdem in Schleswig-Holstein, Bayern (beide 43 Prozent) und Hessen (40 Prozent). Auf Rang 6 folgt dann Niedersachsen (39 Prozent). Am geringsten fiel der Anstieg in Bremen aus (27 Prozent), gefolgt von Sachsen (32 Prozent) und Sachsen-Anhalt (34 Prozent).