Sonntag , 27. September 2020
Ein Wolf, aufgenommen am frühen Morgen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord: Das Territorium des dort ansässigen Rudels reicht bis in die Samtgemeinde Amelinghausen im Landkreis Lüneburg. Foto: nabu/A

Diskussionsrunde im Schafstall: Muss der Wolf Respekt lernen?

Amelinghausen. „Muss der Wolf Respekt lernen?“, fragte Dr. Birgit Mennerich-Bunge – und gab sich die Antwort in ihrem gleichlautendem Vortrag selbst. Nutztier- und Hobbyhalter, Landwirte, Jäger, interessierte Bürger, Freunde und Gegner des Wolfes waren am Sonnabend in den Schafstall in Amelinghausen gekommen, um den Argumenten der Amtsveterinärin und Biologin aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg zu hören und im Anschluss Erfahrungen auszutauschen. Eingeladen hatte die Wolfsgruppe Lüneburg um Wolfsberater Uwe Martens auch eine Schäferin aus Scheeßel.

Amtsärztin referiert über den Wolf und seine Lebensweise

Bei herbstlichem Nieselwetter brannte draußen vor dem Schafstall ein kleines Lagerfeuer. „Kein Mahnfeuer“, betonte Thomas Mitschke, Mitglied der Wolfsgruppe Lüneburg und zugleich Nabu-Kreisvorsitzender, „sondern einfach nur zum Wärmen.“ Drinnen wurde es dann kuschelig: Rund 50 Interessierte lauschten den Ausführungen von Dr. Birgit Mennerich-Bunge.

Rund 40 Minuten referierte die Amtsveterinärin über den Wolf, seine Lebensweise, soziale Strukturen innerhalb des Rudels, sein Verhalten bei der Jagd oder in der Ranzzeit und gegenüber dem Menschen. Deutlich werden sollte, „wie ticken diese Tiere und was kann man von ihnen erwarten“, damit „Leute anhand dieser biologischen Fakten sachlich an das Thema herangehen“, sagte Mennerich-Bunge.

Amtsveterinärin und Biologin Dr. Birgit Mennerich-Bunge referierte zu dem Thema „Muss der Wolf Respekt lernen?“

Biologin will mit Vorurteilen aufräumen

Märchen und Aberglaube erklärten den Wolf bereits im Mittelalter zum Bösewicht – die Angst vor ihm scheint bis heute in den Köpfen vieler Menschen verankert. Daher versuchte die Biologin vor allem, mit allgemein verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen. „Es stimmt nicht, dass ‚Wölfe keine Scheu haben, sich unkontrolliert vermehren, böse sind und motiviert, den Menschen anzugreifen‘“, erklärte sie. „Der Wolf ist ein Wildtier. Er meidet den Menschen – aber nicht von Menschen gemachte Strukturen.“

„Der Wolf meidet den Menschen, aber nichtvon Menschen gemachte Strukturen.“
Dr. Birgit Mennerich-Bunge, Amtsveterinärin

Habituierung und Konditionierung (Formen des Lernens) – zwei Begriffe, die, wie in dem Vortrag deutlich wurde, eine wichtige Rolle spielen, wenn man den Wolf und sein Verhalten verstehen und vor allem einschätzen und beeinflussen will. „Wenn der Wolf erst einmal gelernt hat, dass es in Menschennähe Futter gibt, ist es schwer, ihm das wieder abzugewöhnen“, erklärte die Biologin und appellierte an ihre Zuhörer: „Lassen wir es deshalb gar nicht erst zu, dass Nutztier und Mensch für ihn interessant werden.“

Das allerdings funktioniere nur durch einen guten Herdenschutz, der jederzeit bestehe. Das Vergrämen durch unangenehme Reize hingegen sei „nicht das Mittel, auf das man große Hoffnung legen sollte“, sagte Mennerich-Bunge. „Das hat nur in 30 Prozent der Fälle Erfolg. Man muss erstmal wissen, was ihn angelockt hat, und diese anlockende Attraktion dann beseitigen.“ Andernfalls sei das Zufügen von Schmerzen, beispielsweise durch Gummigeschosse, zwecklos.

Rund 50 Interessierte hatten sich im Amelinghausener Schafstall versammelt, um über das Leben mit dem Tier im Landkreis Lüneburg zu diskutieren.

Wolfsrisse sind emotionale Belastung für Tierhalter

Schäferin Nicole Benning stimmte zu, dass Wolfsrisse für jeden Tierhalter eine große, emotionale Belastung seien. „Keine Frage!“ Doch anders als früher, wo es noch keine Elektrozäune gab und es nicht selten existenzbedrohend für Tierhalter war, wenn der Wolf zuschlug, „gibt es heute viele einfache Möglichkeiten, etwas zu tun“, erklärte sie. Benning hält in Scheeßel rund 600 Tiere – allesamt rund einen Meter hoch eingezäunt von Elektronetzen und geschützt durch insgesamt 16 Herdenschutzhunde (Kangals). Und diese Maßnahmen funktionieren, sagt die Schäferin, seitdem von ihr verzeichnete Risse: „Null.“

Sie erklärte: „Nutztierhalter tragen die Hauptlast, Hobbyhalter wurden lange vernachlässigt. Aber Halter sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Tiere zu schützen.“ Immer wieder sehe sie Herden, die nur mit zwei Brettern oder drei Litzen Stacheldraht geschützt seien. „Da braucht man sich nicht zu wundern.“ Benning erklärte, dass das Land Niedersachsen Kosten der Tierhalter für Zaunmaterial oder Herdenschutzhunde zu 80 Prozent übernehme.

Trotz Entschädigung bleiben eigene Mehrkosten 

Die Höhe der Entschädigung bei einem Riss liege bei 100 Prozent – allerdings nicht bei einem 5000-Euro-Zuchtbock. „Da ist noch Bedarf“, räumte Benning ein. „Klar, da bleiben eigene Mehrkosten.“ Dennoch betonte sie: „Packen Sie sich an Ihre eigene Nase. Der Wolf ist da, Punkt. Eine Co-Existenz mit ihm sollte doch möglich sein. Jetzt geht es darum, Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen.“

Bennings Erfahrung: „Viele sehen keine Notwendigkeit für Präventivmaßnahmen, sie wollen einfach nicht. Dabei ist es mit wenig Aufwand möglich – und effektiv! Auch bei Rindern und Pferden.“ Die Einstellung des ­Publikums zu dem Tier war gemischt: Wortmeldungen wie „Der Wolf hat genauso das Recht, hier zu sein wie wir“, wurden leise kommentiert mit „So ein Quatsch!“. Auf die Frage eines Kritikers, was das Tier denn für einen Nutzen hätte, antworteten die Experten: „Viele Probleme unserer Welt, wie zum Beispiel Klimawandel oder Flüchtlingsströme, basieren darauf, dass der Mensch immer zuerst an seinen eigenen Nutzen denkt. Dabei geht es doch jetzt darum, zu sehen, wie es klappen kann, mit dem Wolf zusammenzuleben.“

Von Patricia Luft