Julia Verlinden und der Stein des Anstoßes: Die Bundestagsabgeordnete hat ihre Mini-Solaranlage nun auch ohne Zustimmung des Netzbetreibers Avacon in Betrieb genommen. Foto: nh

Die verbotene Solaranlage

Lüneburg/Hannover. Die Werbung für die persönliche Energiewende daheim klingt verlockend. „Auspacken. Aufstellen. Einstecken“, heißt es über die Mini-Solaranlagen für Garten oder Balkon. „So einfach kann ein Kraftwerk sein.“ Doch ganz so einfach ist der häusliche Umstieg auf saubere Sonnenenergie dann doch nicht. Die meisten Netzbetreiber sträuben sich noch gegen die neue Art der Stromerzeugung. Das musste nun ausgerechnet auch die Energieexpertin der Grünen-Bundestagsfraktion, Dr. Julia Verlinden, erfahren. Während sie in ihrer Berliner Zweitwohnung bereits ein 150-Watt-Plug-in-Gerät auf ihrem Balkon betreibt, verwehrt ihr die Avacon Netz GmbH die Nutzung im heimischen Lüneburger Garten.

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Anschluss von Einspeiseanlagen an Endstromkreisen zum jetzigen Zeitpunkt nicht gestattet ist“, erteilte ein Avacon-Mitarbeiter unter Verweis auf diverse DIN-Normen Verlinden eine eindeutige Abfuhr. Das will die Kandidatin für die Bundestagswahl nicht so hinnehmen. „Es ist ein Unding, dass ein großer regionaler Netzbetreiber wie die Avacon die Energiewende von unten derart blockiert“, kritisiert die Umweltwissenschaftlerin. „Gerade im Energiewendeland Niedersachsen sollten sich die Netzbetreiber für den Anschluss jedweder Ökostrom-Anlagen stark machen, statt sie zu behindern.“

Mittlerweile sind mehrere Tausend Geräte in Deutschland angeschlossen

In ihrer Antwort an Avacon verweist Julia Verlinden auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts von 2016, wonach der Betrieb von modernen, netzgekoppelten Kleinst-Photovoltaik-Anlagen gefahrlos möglich sei. „Das von mir gemeldete Modell ist schon vielfach in anderen Ländern, zum Beispiel in Österreich, in Betrieb.“ Auch in Deutschland seien mittlerweile mehrere Tausend Geräte angeschlossen.

So erlaubt der Dortmunder Betreiber Westnetz, eine ehemalige RWE-Tochter, laut Umweltorganisation Greenpeace seinen Kunden inzwischen grundsätzlich den Einsatz von Balkon-Geräten bis zu einer Grenze von 300 Watt, sofern „Störungen anderer Anschlussnehmer und schädliche Rückwirkungen auf das Stromverteilnetz“ ausgeschlossen seien. Nutzer müssten lediglich Fabrikat, Modell und Leistung melden. Andere Unternehmen müssten diesem unbürokratischen Beispiel schnell folgen, fordert Greenpeace. Doch die meisten Betreiber wie Wesernetz in Bremen winken noch skeptisch ab. Es handle sich um eine meldepflichtige Anlagenerweiterung, die nur ein gelernter Elektroinstallateur ausführen dürfe, sagt ein Sprecher. Bei größeren Einspeisemengen könnten schließlich auch Probleme fürs Netz entstehen.

Modell Simon ist im Internet für rund 600 Euro zu bestellen

Solarmodule wie das Modell Simon zum Aufstellen oder Aufhängen sind im Internet für rund 600 Euro zu bestellen. Man steckt einfach den Stecker in eine Steckdose, der durch Sonnenkraft produzierte Strom wird ins Haus- oder Wohnungsnetz eingespeist. Es wird also weniger Energie von außen benötigt, der eigene Zähler dreht sich langsamer, man spart also Stromkosten. 150 Watt reichen für das Kochen eines Mittagessens oder den ganzjährigen Betrieb einer energieeffizienten Waschmaschine.

Für Verlinden sind auch solch kleine Schritte effektiv. „Jede Kilowattstunde Solarstrom bedeutet am Ende eine weniger aus Kohle und Atom. Das ist gut für die Energiewende und gut für den Klimaschutz.“

Von der Avacon hat Julia Verlinden auch nach Wochen keine Reaktion auf ihre Beschwerde erhalten. Sie sagt: „Ich habe dem Netzbetreiber mittgeteilt, dass ich seine ablehnende Haltung für völlig unbegründet halte. Ich habe meine Mini-Solaranlage daher auch ohne Zustimmung der Avacon in Betrieb genommen.“

Von Peter Mlodoch