Samstag , 19. September 2020
Laternenumzüge haben Saison. Allerdings begleitet die Polizei die Lichterwürmer seltener. Das dürfte für manch trauriges Kindergesicht sorgen. Foto: A/t&w

Laternenumzug ohne Polizeischutz

Lüneburg. Die Polizei hat viel zu tun. Da denkt man in Hannover gern darüber nach, die Beamten ein wenig zu entlasten. Allerdings an einer Stelle, wo es den Bürger zwickt: Die Staatsmacht soll deutlich seltener Umzüge begleiten. Neben den Schützen trifft es vor allem die Kleinsten: Laternenumzüge sollen künftig ohne Schutzmann auskommen. Das sorgt selbst in den eigenen Reihen für Unmut. Auf dem Land versteht nicht jeder, wa­rum man das Engagement da kürzt, wo die Polizei in engen und freundlichen Bürgerkontakt kommt. Beamte sagen: „Das war beste Imagewerbung für uns.“

In Lüneburg muss Polizeisprecher Kai Richter die neue Linie erklären: „Die Polizei macht sich von fremden Aufgaben frei.“ Es sei Sache der Kommunen und Organisationen, solche Umzüge zu begleiten: „Polizei ist nicht unendlich vorhanden. Wir können nicht bei jeder Veranstaltung dabei sein.“ Aber es sei in Absprache mit den Kommunen immer eine Einzelfallentscheidung, eben kein kategorischer Abschied.

Umzüge müssen auf Bürgersteigen bleiben

Das Dumme an der Sache ist, dass auch die Feuerwehren überlegen, ob sie Laternenumzüge künftig noch begleiten. In Südergellersen beispielsweise habe man dem Kindergarten eine Absage erteilen müssen, sagt Julian Illmer. Der Feuerwehrsprecher sagt: „Wir dürfen dafür keine Straßen sperren. Bei unserem eigenen Umzug machen wir das dann irgendwie.“ Bei anderen Veranstaltern sei es allerdings schwieriger geworden: „Leider.“

Das bestätigt Kreisbrandmeister Torsten Hensel: „Ich habe die Feuerwehren darauf hingewiesen, dass sie Laternenumzüge zwar begleiten, aber eben nicht verkehrslenkend eingreifen dürfen. Wenn jemand an einer Absperrung vorbeifährt und es passiert etwas, haben wir ein Problem.“ So sollen die Kinder mit ihren Laternen und den Eltern auf Bürgersteigen bleiben – die sind auf den Dörfern ja häufig nicht besonders breit. Nicht nur Hensel findet das „unpraktisch“ und nicht besonders nahe an der Realität.

Polizeipräsenz war gut für’s Image

In Lüne-Moorfeld gehört Dr. Gerhard Scharf mit anderen Ratskollegen seit rund 15 Jahren zu den Initiatoren eines Lichter-Lindwurms: „In diesem Jahr haben wir das zum ersten Mal ohne Polizei gemacht. Es geht, einer von uns vorweg, einer hinterher in Warnwesten.“ Doch besonders bürgernah sei die Entscheidung des Ministeriums nicht: „Die Beamten haben hier viel für das Image der Polizei getan.“

In Oedeme kommt Ortsbürgermeisterin Christel John ohne die Ordnungsmacht klar: „Wir machen das mit der Feuerwehr.“ Die sichere vorn und hinten, an den Seiten läuft der Nachwuchs der Brandschützer mit Fackeln, damit niemand seitwärts in den Teich fällt. Lüneburgs stellvertretender Stadtbrandmeister Volker Gätjens sagt, dass die Ortswehren in der Stadt ihre Umzüge selbst organisieren. Allerdings sei es mit Hilfe der Polizei einfacher gewesen. Denn selbst wenn die Feuerwehr einen Bereich absperre, setzten sich uneinsichtige Autofahrer über Anweisungen hinweg: „Bei einem Brand im vergangenen Jahr Bei Mönchsgarten hat ein Mann einen unserer Leute angefahren.“ Gätjens ärgert sich über mangelnde Anerkennung: „Da wird immer mehr Verantwortung zum Ehrenamt geschoben. Wir machen das in unserer Freizeit.“

Mädge sucht das Gespräch mit dem Innenminister

Im Rathaus kann Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Linie nur zum Teil verstehen: „Ich habe Verständnis für den Erlass, gerade vor dem Hintergrund der Terrorangriffe im vergangenen Jahr. Es gilt, der Polizei zu ermöglichen, notwendige Vorkehrungen zu schaffen und sich auf Kernaufgaben zu konzentrieren. Zurzeit müssen Veranstalter von Umzügen mit den Polizeiinspektionen vor Ort in Gespräche über Einzelfallregelungen eintreten.“

Der Verwaltungschef sagt auch: „Im nächsten Jahr sollten wir die Situation neu betrachten, es wäre schade, wenn Brauchtum und Umzüge geopfert würden, weil die Polizei nicht begleiten kann. Ich werde noch mal über den Niedersächsischen Städtetag das Gespräch mit dem Innenminister dazu suchen.“

Von Carlo Eggeling