Dienstag , 22. September 2020
Mit roten Warnwesten wollen Stephan Harms (l.), Geschäftsführer der Rudolf Steiner Schule, und Lehrer Guido Peuckert die 200 bis 300 Schüler auf Fahrrädern am Sonnabend durch Lüneburg leiten. Foto: lz/phs

Waldorfschule möchte mehr Geld

Lüneburg. 200 bis 300 Schüler, Eltern und Lehrer werden morgen auf Fahrrädern durch die Innenstadt radeln und demonstrieren. Die Mitglieder der Rudolf Steiner Schule beteiligen sich an der Kampagne „Beweg Dich! – Für eine faire Schulfinanzierung“. Die Freien Schulen erhalten deutlich weniger Geld vom Land als die öffentlichen Bildungseinrichtungen, sie sind abhängig vom Schulgeld, von Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Stephan Harms, Geschäftsführer der Rudolf Steiner Schule, und Lehrer Guido Peuckert wollen das nicht mehr länger hinnehmen. „Unser Wunsch ist, dass das Land seine Finanzhilfesätze anpasst, damit endlich eine vernünftige Schulfinanzierung ermöglicht wird.“

Die Demonstration soll auf die Lüneburger Schule aufmerksam machen, Peuckert findet: „Wir gehören dazu und beleben die Kulturlandschaft.“ 2019 werde die Waldorfpädagogik in Deutschland 100 Jahre alt, in Lüneburg existiere die Rudolf Steiner Schule seit 32 Jahren.

Harms kann nicht verstehen, wieso die Freien Schulen einen Sonderfall darstellen. „Die Politiker versprechen immer wieder, dass Bildung nichts kosten soll.“ Und im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne 2013 vereinbart, die Finanzierung der Freien Schulen in Niedersachsen gerechter zu gestalten. Mehr Geld sei an den Schulen aber bislang nicht angekommen, sagt der Geschäftsführer. „Das ist Augenwischerei.“

Finanzierung der Schule Thema auf dem Schulhof

Bei seinen Schülern bleibe das Gefühl zurück, weniger wert zu sein. Häufig sei die Finanzierung der Schule Thema auf dem Schulhof und im Klassenraum. „Unsere Schule basiert nur auf einem anderen pädagogischen Konzept, das so im Grundgesetz zugelassen ist“, sagt er. Dass man gleichwertig mit anderen Schulen sei, würden die Abschlüsse zeigen. „Bei uns kann man genauso Abitur machen.“

Die Vorurteile, die viele gegenüber Privatschulen haben, kennt Guido Peuckert. Er unterrichtet seit 20 Jahren an der Schule, lebt die Pädagogik, die vorsieht, Kinder und Jugendliche zu „ganzheitlichen Menschen“ auszubilden. Sie sollen eben nicht nur Schreiben und Rechnen lernen, sondern beispielsweise eigene Holzschalen fertigen oder im Garten wühlen. „Dennoch ist das nichts, was nur Freude macht und Geld kostet“, betont er.

Dass andere Bundesländer durchaus bereit sind, mehr zu unterstützen, zeigt die Einigung in Baden-Württemberg. Dort erhalten Privatschulen künftig 80 Prozent der Kosten eines Schülers einer öffentlichen Schule vom Land. Harms weiß: „Um beispielsweise gleichauf mit Hamburg zu sein, müssten wir pro Schüler 500 Euro mehr im Jahr erhalten. Das würde uns schon enorm helfen.“ Dann könnte die Schule zehn Prozent weniger Schulgeld von den Eltern verlangen und ihren Lehrern zehn Prozent mehr Gehalt zahlen.

Denn die Pädagogen sind im Vergleich finanziell deutlich schlechter gestellt. „Wir erhalten 80 Prozent des Gehalts eines angestellten Realschullehrers, selbst die Kollegen in der Grundschule verdienen mehr“, weiß Peuckert. Das schmalere Gehalt scheint junge Lehrer abzuschrecken: „Waldorflehrer werden händeringend gesucht.“ 50 Kollegen seien zurzeit an der Walter-Bötcher-Straße tätig, damit könne man gerade so das bedienen, was gebraucht wird.

Turnhallenpläne müssen warten

Viele Pläne der Schule blieben auf der Strecke, so versuche das Kollegium seit Jahren, eine Turnhalle zu realisieren. Nicht nur für ihre 450 Schüler – auf dem Gelände sind auch Kindergarten und Krippe untergebracht. Zurzeit wird die Aula für den Sportunterricht genutzt. „Wir würden uns gern ausbreiten, brauchen mehr Gebäude.“ Das zeigen auch die Schülerzahlen, in der ersten Klasse gibt es 35 bis 38 Plätze, stets versuchten bis zu 100 Eltern ihr Glück.

Nun hoffen die 25 Waldorfschulen in Niedersachsen auf eine Reaktion vom Land, sie beteiligen sich mit unterschiedlichen Aktionen an der Kam­pagne. In Lüneburg wird man die Radfahrer am Sonnabend zur Mittagszeit sehen, die Demonstration führt vom Schulgelände aus zum Platz Am Sande, dann zum Marktplatz, zu den Sülzwiesen und über die Friedrich-Ebert-Brücke zurück.

Von Anna Paarmann

In Zahlen: Zuschüsse vom Land

Waldorfschulen haben im Jahr 2014 für einen Schüler im Bundesdurchschnitt 4820 Euro erhalten, das Land Niedersachsen unterstützt freie Schulen mit 4307 Euro, also mit rund 500 Euro weniger.

Die öffentlichen Zuschüsse decken nur 70 Prozent der Betriebskosten der niedersächsischen Waldorfschulen, den Rest müssen die Eltern als Schulgeld aufbringen. Dabei sind die Freien Schulen ans sogenannte Sonderungsverbot gebunden.

So dürfen sie Schüler nicht aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse durch die Höhe des Schulgelds vom Schulbesuch ausschließen. Zum Vergleich: Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge erhalten öffentliche Schulen in Niedersachsen pro Schüler 7100 Euro im Jahr.