Montag , 28. September 2020
Bauingenieur Günter Schmidt stellt die Nachhaltigkeit des neuen Zentralgebäudes auf dem Campus der Leuphana infrage. Foto: lz/t&w

Libeskind-Bau „Keinesfalls preiswürdig“: Bauingenieur stellt Nachhaltigkeit infrage

Lüneburg. Den Nachhaltigkeitspreis hat die Leuphana mit ihrem Libeskind-Bau nicht verdient. Das findet zumindest Günter Schmidt. Der Bauingenieur führt einen baubio­logischen Betrieb in Mechtersen. Das Gebäude hat der 68-Jährige bei öffentlichen Führungen während der Bauphase oft besichtigt. Dass die Universität nun von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis für die Auszeichnung „Nachhaltiges Bauen“ nominiert wurde (LZ berichtete), kann er nicht verstehen. „In den Planungen für das Gebäude waren einige nachhaltige Aspekte enthalten, aufgrund von finanziellen Problemen wurde vieles aber nicht umgesetzt. Der Nachhaltigkeitsanspruch ist hinten runtergefallen.“

Erdölbasierte Farben, Styropor und Mineralwolle

Eine Situation hält Schmidt für sinnbildlich: Bei einer Veranstaltung im Museum habe Projektleiterin Susanne Leinss einen Vortrag gehalten. Dort hat der Ingenieur konkret nachgefragt, warum statt Naturfarben erdölbasierte Produkte verwendet wurden. Sie habe das mit den Kosten begründet. Schmidt weiß aus seinem Betrieb, dass Naturfarben nur etwas teurer als konventionelle Farben sind. „Das hätte in dem Gebäude Mehrkosten von etwa 20.000 Euro bedeutet. Das ist für mich bei den riesigen ökologischen Vorteilen kein Argument.“ Erdölbasierte Farben würden oft Kunststoffe enthalten, die unangenehm ausdunsten und zu einer elektrostatischen Aufladung führen. „Außerdem sind konventionelle Farben teilweise nur als Sondermüll zu entsorgen, während Naturfarben in geringen Mengen auf den Kompost gekippt werden können.“

Für den Mechtersener beinhaltet Nachhaltigkeit drei Kernpunkte: Dass Herstellung, Anwendung und der mögliche Abriss eines Gebäudes nicht der Natur und den Menschen schadet. Die Leuphana habe in allen Bereichen Fehler gemacht. Bei der Herstellung seien schon „tonnenweise Dämmstoffe aus harter Chemie“ verwendet worden, beispielsweise Styropor und Mineralwolle. „Diese Produkte sind als Sondermüll zu entsorgen, Styropor wird teilweise nicht mehr angenommen, weil es sich nicht vernünftig recyceln lässt“, erklärt der Fachmann. Auch gebe es inzwischen durchaus „hervorragende Naturdämmstoffe“, die in allen Zwischenwänden hätten eingebaut werden können.

„Tonnenweise Dämmstoffe aus harter Chemie“

Kritik übt er auch am Erwärmungs- und Belüftungssystem. So sei heute eine Wandtemperierung ein probates Mittel in Großgebäuden. Dabei werden Heizungsrohre in den Wänden verlegt, diese werden somit zu Wärmestrahlungsflächen. Die Leuphana erwärme ihre Räume aber durch Luft. „Das ist nicht gut für die Schleimhäute, auch wird so Staub aufgewirbelt.“ Zudem sei die Gefahr größer, dass Bakterien ins Gebäude getragen würden. „Und die Warmluftheizung ist nicht besonders energieeffizient.“

Auch die schaltbaren und selbst verdunkelnden Fenster, für die sich die Hochschule so rühmt, hält Günter Schmidt keinesfalls für nachhaltig. „Die Scheiben filtern für den Menschen entscheidende UV- und Infrarotspektren heraus, sie sind für die Hautorganismen wichtig“, betont er.

Der Experte schlussfolgert, dass die Leuphana bei ihrer Ankündigung, ein nachhaltiges Gebäude bauen zu wollen, keinen echten inneren Anspruch verfolgt hat. Erschwert worden seien die Arbeiten durch das „riesige Bauvolumen“ und den „gequetschten Zeitrahmen“. Aber schon bei kleinen Dingen wie Materialien hätten die Verantwortlichen mehr auf die Nachhaltigkeit achten können. „Das Gebäude wurde für Studenten gemacht, da ist es doch das Mindeste, dass sie eine Hülle bekommen, die in Ordnung ist.“

Die Uni mag auf die Kritik nicht eingehen

Die Leuphana möchte sich zu der Kritik nicht äußern, ihr Pressesprecher Henning Zühlsdorff lässt ausrichten, dass die Uni es „nicht für besonders zielführend“ halte, dass sich die LZ mit einem Bauingenieur über Details des Nachhaltigkeitskonzeptes der Leuphana austausche. Zu den ausführlich begründeten Vorwürfen sagt er lediglich: „Natürlich können auch sehr gute Konzepte im Detail immer noch verbessert werden. Sicherlich gilt dies auch für unser Projekt. Insgesamt ist unser Nachhaltigkeitskonzept aber anerkanntermaßen wegweisend, wie die Nominierung für den Preis zeigt.“

Von Anna Paarmann