Samstag , 24. Oktober 2020
Über die Haltung und den Einsatz von Tieren informierte Brigitte Probst vom Circus Probst (2.v.l.) Mitglieder des Lüneburger Stadtrats bei einem Ortstermin auf den Sülzwiesen. (Foto: us)

Ratsmitglieder prüfen Tierhaltung im Zirkus

Lüneburg. Ist ein Zirkus eine Gefahr für das öffentliche Leben? Und wie geht man mit den dort lebenden Tiere um? Diesen Fragen gingen am Sonnabend Lokalpolitike r nach. Der Circus Probst hatte eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und sich selbst ein Bild von den vermeintlichen Verstößen gegen die Tierhaltung in Zirkussen zu machen, wie sie von der Links-Partei angeprangert worden waren. Belege für diese These brachte der Besuch nicht.

Alles doppelt und dreifach abgesichert

„Wir konnten uns davon überzeugen, dass hier viel für das Tierwohl getan wird und die Sicherheit nach meiner Einschätzung gegeben ist“, sagte Ratsmitglied Frank Soldan (FDP) nach der dreistündigen Visite auf den Sülzwiesen. Tiere würden im Zirkus leiden, hatte jüngst der linke Kreistagsabgeordnete Christoph Podstawa behauptet und auf Verstöße bei amtlichen Kontrollen verwiesen, die sich laut Darstellung des Landkreises aber im Wesentlichen auf formale Fehler in der Dokumentationspflicht bezogen (LZ berichtete).
Zum Ortstermin am Sonnabend aber war weder Christoph Podstawa erschienen noch sein Parteikollege David Amri aus dem Stadtrat, der ins selbe Horn gestoßen hatte und in Sachen Tierwohl „dringenden Handlungsbedarf“ erkannt zu haben glaubte. Die Kritik der Linken hatte den Circus Probst erst dazu veranlasst, den kompletten Rat persönlich anzuschreiben und einzuladen. Gekommen sind gerade mal fünf Ratsmitglieder.

„Schon aus Eigeninteresse können wir nicht wollen, dass unsere Tiere leiden“, sagte Brigitte Probst. Keiner der fünf deutschen Zirkusse, die heute noch Raubtiere hielten, könne es sich zudem leisten, „auch nur einen einzigen Fehler bei der Tierhaltung zu machen“, sagte sie, „wir haben nichts zu verbergen.“
Davon konnten sich die Ratsmitglieder – neben Soldan waren Carmen-Maria Bendorf (SPD), Christian Tobias Gerlach (CDU), Ralf Gros (Grüne), Rainer Petroll (Linke) und Prof. Dr. Gunter Runkel (AfD) der Einladung gefolgt – sowie Tanja Bauschke, Mitglied der Grünen Kreistagsfraktion, Inge Prestele aus dem Kreisvorstand der Grünen sowie Beate Gries, Mitglied der Grünen im Stadtrat in Braunschweig, überzeugen. Ausführlich ließen sie sich über Tierpflege und -gesundheit, Auslaufmöglichkeiten, Ernährung und Transport, aber auch über deren artspezifischen Einsatz in der Manege informieren. Brigitte Probst wich keiner Frage aus, führte die Gruppe zu den Stallungen und Gehegen, in denen Tiger, Kamele, Zebras, Emus, Pferde und andere Tiere untergebracht waren.

Leben in freier Wildbahn kennen die Tiere gar nicht

„Der Einblick, der uns hier gewährt wurde, war durchweg positiv“, sagte Carmen-Maria Bendorf nach dem Rundgang. Die Tiere würden artgerecht gehalten, „alles ist doppelt und dreifach abgesichert“. Ebenso äußerte sich Ralf Gros. „Die Tiere werden hier gut behandelt und haben viel Abwechslung, weil sie im Zirkus gefordert werden“, urteilte der Grüne. Missstände seien nicht erkennbar. Das Problem seien auch nicht die Zirkusse, „sondern der Artenschutz“. Der Fokus sollte daher stärker auf die landwirtschaftliche Erzeugung von Fleisch, auf Tiertransporte und den illegalen Handel mit Tieren gerichtet werden.
Christian Tobias Gerlach kritisierte, dass die Linken im Rat „ein gefahrenabwehrrechtliches Verbot“ nutzen wollen, um Zirkusse zu verbieten: „Dann aber müsste die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Gefahr angegeben werden, was im Vorfeld schwierig ist.“ Problematischer seien die von Koppeln ausbrechenden Rinder und Pferde. „Will man das künftig auch verbieten?“

„Gegen Zirkusse dieser Art spricht nichts“, findet Prof. Dr. Runkel. Deutschland habe einen hohen Standard beim Tierschutz, ein Wildtierverbot ergebe für ihn keinen Sinn, „denn was ist ein Wildtier?“, fragte Runkel mit Blick darauf, dass die Tiere nicht der freien Wildbahn entnommen, sondern in Zirkussen oder Zoos auf die Welt gekommen und an dieses Leben gewohnt seien.
Und die Linke? Rainer Petroll sagte lediglich: „Die Öffentlichkeitsarbeit des Zirkusses ist ganz phantastisch.“ Gegen Zirkusse spreche nichts, wohl aber gegen den Einsatz von Wildtieren. Zu den vermeintlichen Tierwohl-Verstößen sagte er: „Verstöße sind Verstöße.“ Einen Blick in das Dokumentationsbuch, das Brigitte Probst ausgelegt hatte, warf Petroll nicht.
Tanja Bauschke, die vorige Woche ebenfalls noch ein generelles Wildtierverbot gefordert hatte, kam nun zu dem Schluss: „Wenn Tiere so wie hier aufwachsen, sind auch Wildtiere, die nicht in der freien Wildbahn aufgewachsen sind, durchaus im Zirkus vertretbar.“

Von Ulf Stüwe