Sonntag , 27. September 2020
Mehr als 3000 Fahrgäste nutzten Mitte Mai die „S-Bahn“ zwischen Lüneburg und Bleckede, die hier bei Erbstorf unterwegs ist. Foto: t&w

S-Bahn: Jetzt muss die Politik ran

Bleckede. 50 Einzelfahrten mit dem Triebwagen zwischen Lüneburg und Bleckede wurden Mitte Mai absolviert. Die Auswertung des „S-Bahn“-Probetriebs zwischen den Städten an Ilmenau und Elbe ist erledigt. Jetzt sollen sich die Politiker im Kreistag und den Kommunen mit der möglichen neuen Zukunft des Personenschienenverkehrs zwischen Lüneburg und Bleckede beschäftigen.

Als erste bekommen die Mitglieder des Bleckeder Stadtrats die Ergebnisse aus erster Hand präsentiert: Pero Schmidt, örtlicher Betriebsleiter der Bleckeder Kleinbahn, der hundertprozentigen Tochter der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL), und Tim Schirbaum, der an allen fünf Tagen als Fahrgastbetreuer mit unterwegs war, berichten am heutigen Donnerstag, 15. Juni, 19 Uhr, im Bleckeder Haus, dem Rat.

So positive Resonanz nicht erwartet

„Wir hatten eine positive Resonanz auf den Probebetrieb erwartet, dass die Resonanz so positiv wird, hatten wir aber nicht erwartet“, sagt Pero Schmidt. Insgesamt haben 3024 Fahrgäste an den fünf Tagen zwischen dem 15. und 19. Mai den Zug zwischen Lüneburg und Bleckede benutzt. Das sind knapp 605 am Tag, oder durchschnittlich rund 60 pro Fahrt.

Ziel aller Bemühungen ist die Reaktivierung der regelmäßigen Bahnverbindung zwischen Lüneburg und Bleckede, die 1977 eingestellt worden war. Als Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) vor vier Jahren ein Programm zur Reaktivierung von Bahnstrecken und Bahnhaltepunkten auf den Weg brachte, war die Strecke Lüneburg – Bleckede nur knapp daran gescheitert, in das weitere Verfahren aufgenommen zu werden.

Pero Schmidt: „Zumindest zwei Punkte haben wir mit unserem Probebetrieb widerlegt: Zum einen haben wir nachgewiesen, dass es eine Akzeptanz für die Wiederbelebung der Strecke gibt. Zum anderen haben wir gezeigt, dass die Strecke auch für Touristen von außerhalb attraktiv ist.“

Wie soll Reaktivierung erreicht werden?

Rund 800 bis 1200 tägliche Nutzer würden benötigt, um die Bahnverbindung zwischen Lüneburg und Bleckede wieder zu beleben, schätzt Schmidt. „Haben wir die, haben wir eine gute Chance.“ Mit den 600 am Tag, die man im Mai fast aus dem Stand und als „Hobby-Eisenbahner“ erreicht habe, liege man schon gut.

Pero Schmidt ist hochzufrieden: „Die Politik hat gesehen, dass nicht etwa nur die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg oder die Bleckeder Kleinbahn die Reaktivierung der Bahnstrecke Lüneburg – Bleckede wollen, sondern dass die Bürger das wollen.“

Schmidt setzt jetzt auf weitere Gespräche, die kommen sollen. „Die Gemeinden und Samtgemeinden entlang der Strecke und der Landkreis müssen sich jetzt zusammensetzen und ein Paket schnüren, wie man die Reaktivierung erreichen will und das Ergebnis dann der Landesnahverkehrsgesellschaft vorstellen.“ Dann müssten auch die Kosten auf den Tisch kommen. „Es gibt bereits Szenarien für einen künftigen Betrieb“, kündigt Pero Schmidt an.

„Wollen Bahn und Bus nicht gegeneinander ausspielen“

Von Politikern habe man bereits positive Rückmeldungen bekommen, von Bleckedes Bürgermeister Jens Böther (CDU) etwa, aber auch von Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD), der während der Probewoche erklärt hatte: „Bleckedes Bürgermeister Jens Böther und ich sind so verblieben, dass ich den Verkehrsminister bitten werde, die Reaktivierung dieser Strecken neu zu überprüfen. Zwar hatte ich die Reaktivierung anfangs selbst sehr skeptisch gesehen, aber hier bin ich inzwischen anderer Meinung.“

Kommt es zur Reaktivierung, wäre der Streckenverkehr auszuschreiben. Die Infrastruktur würde die Bleckeder Kleinbahn stellen – die hat Gleise und Anlagen für 50 Jahre von den Osthannoverschenen Eisenbahnen gepachtet.

Pero Schmidt ist überzeugt, „dass das Verkehrskonzept im Landkreis Lüneburg geändert werden muss“. Dabei betont er: „Wir wollen nicht Bahn und Bus gegeneinander ausspielen. Beide Verkehrsmittel haben ihre Berechtigung, jedes von ihnen hat seine Vorteile, die genutzt werden müssen.

136 Fahrgäste bei einer Fahrt

Insgesamt 3024 Fahrgäste waren zwischen dem 15. und dem 19. Mai zwischen Lüneburg und Bleckede in den Waggons unterwegs, die der Museumseisenbahnverein „Nebenbahn Staßfurt-Egeln“ aus der Nähe von Magdeburg gestellt hatte. Viele Fahrten waren mit mehr als 100 Menschen besetzt – der Rekord: 136 Fahrgäste, die am 19. Mai um 15.44 Uhr in Lüneburg in den Zug stiegen, fünf Fahrgäste kamen in Scharnebeck noch dazu.

Von den ausgegebenen Fragebögen wurden 763 ausgefüllt zurückgegeben. Eine Erkenntnis: 227 Fahrgäste (30 Prozent) nutzten den Zug als Pendler, weitere 210 Fahrgäste (28 Prozent) waren mit einem „Anliegen“, zum Beispiel Einkauf oder Arztbesuch, unterwegs.

Ein stattlicher Anteil von zwölf Prozent (92) gab an, als Tourist von außerhalb mit der Bahn unterwegs zu sein. Hingewiesen wurde von zahlreichen Fahrgästen darauf, dass eine Wiederbelebung der Bahnstrecke Lüneburg – Bleckede das Lüneburger Umland attraktiver machen würde, auch hinsichtlich des knappen und teuren Wohnraums in Lüneburg.

Von Ingo Petersen