Montag , 21. September 2020
Michael Hasenauer von der katholischen Hochschulgemeinde gehört zu denen, die den Raum der Stille nutzen. Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften sollen hier zum Gebet und Gespräch zusammenkommen. Evangelische und katholische Kirche sowie der Zentralrat der Juden in Niedersachsen haben den Bau finanziell unterstützt. Foto: t&w

Lüneburg: Tag der offenen Tür im neuen Audimax

Lüneburg. Wer von der Galerie im ersten Stock ins Foyer blickte, fand den Andrang nicht besonders. Doch der Eindruck täuschte: Rund 4000 Besucher eroberten am Sonnabend binnen vier Stunden den Libeskind-Bau der Universität. Nachdem im März die Prominenz zur Einweihungsfeier geladen war, „darf nun das Volk kommen“, sagte ein Besucher mit einer Portion Ironie in der Stimme. Das Volk kam, sah und staunte über schiefe Wände, betonkahle und an manchen Stellen beige und rote Wände, über ein Labyrinth von Gängen, die scheinbar kreuz und quer zu den Seminarräumen in dem gezackten Bau laufen.

Dass Architekt Daniel Libeskind verwirren will, ist bekannt. Uni-Präsident Sascha Spoun erklärte es dem Publikum, das im Audimax auf alpensteilen Sitzreihen hockte, noch einmal: Die aufstrebenden Linien und harten Kanten sollen einen Kontrapunkt zur ehemaligen Kaserne setzen. „Es ist gewollt, dass Raum- und Sehgewohnheiten irritieren“, sagte Spoun. Der Bau selber wolle anregen, Fragen zu stellen, eben das sei ja eine Aufgabe der Wissenschaft

Treppenhäuser aus Sicherheitsgründen versperrt

Vier Kernpunkte verbinde das Konzept, das Libeskind mit Studenten entwickelt hatte: als Inspiration für einen Dialog, als Innovation durch ein neues Energiekonzept, als Interaktion, um neue Ideen zu entwickeln, und als Intervention. Die Mitte der 1930er-Jahre gebaute Kaserne sei unter anderem Heimat einer Einheit gewesen, die in Osteuropa Kriegsverbrechen begangen habe. Allein das Ambiente des Baus wolle einladen zu einer Diskussionskultur in Frieden und Demokratie.

Besucher sahen es profaner. Ein Mancher wunderte sich über die vielen, vielen Türen: „Alles Brandschutztüren, was die kosten.“ Steuerberater Dierk Dening wollte einen Vortrag besuchen und fand es etwas kompliziert, zehn Minuten auf Raumsuche gehen zu müssen. Andere standen, nachdem sie vor überfüllten Fahrstühlen aufgegeben hatten, verwundert vor Sicherheitsleuten, die Treppenhäuser versperrten und dies mit „Sicherheitsgründen“ erklärten. Es dürfte eher an restlichen Bauarbeiten liegen, denn ganz offensichtlich erledigen Handwerker noch diverse Nachbesserungen.

Kostenexplosion kein Thema

Doch es schwang auch Bewunderung mit. Mancher wie Sven Holdberg findet den Bau „bombastisch“. Die Künstlerin Gudrun Jakubeit, die im Erdgeschoss Arbeiten präsentierte, hat den Koloss in den letzten vier Jahren mehr als 300 Mal gezeichnet und gemalt. Auch sie ist fasziniert. Dass es keine gerade Wand gibt, sie keinen Nagel einschlagen konnte, nahm sie gelassen und als Anregung: „Ich habe mir etwas einfallen lassen müssen und Staffeleien genommen.“ Libeskind als Herausforderung.

Die Uni thematisierte nicht, dass die Kosten des Komplexes, dessen Eingangsbereich wie ein Pfeil nach oben schnellt, von 57 auf mehr als 100 Millionen Euro in die Höhe geschossen sind. Allerdings merkte der ein und andere Besucher die Ausgaben-Explosion an: „Man hätte auch anderes mit dem Geld machen können. Kindergartenplätze schaffen zum Beispiel.“

Uni-Präsident Spoun blieb gelassen. Er freute sich über die vielen Besucher: „Das zeigt ein großes Interesse an der Leuphana.“ Neben Führungen, die in den nächsten Tagen über die Internetseite der Uni angeboten werden sollen, kann er sich gut vorstellen, erneut zu einem Tag der offenen Tür einzuladen.

Von Carlo Eggeling