Montag , 28. September 2020
Frank von Wiegen pendelt fast täglich von Wendisch Evern mit dem Zug nach Hamburg. Foto: phs

„Pendeln ist kein Vergnügen“

Lüneburg. Frank von Wiegen hat einen weiten Weg zur Arbeit. Täglich legt der 49-Jährige aus Wendisch Evern anderthalb Stunden zurück, ehe von seiner Wohnung bis zum Einsatzort in Hamburg ist. Damit ist er nicht allein – ganz im Gegenteil: Im Landkreis Lüneburg gibt es immer mehr Pendler.

38 Prozent aller Berufstätigen passieren auf dem Weg zur Arbeit die Kreisgrenzen, das sind rund 24 500 Frauen und Männer. Gegenüber dem Jahr 2000 ist die Zahl der Auspendler damit um 42 Prozent gestiegen, besagt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung mit Zahlen aus dem Jahr 2015. Die Gewerkschaft IG BAU spricht in diesem Zusammenhang von einem „alarmierenden“ Trend.

Wenn der Wohnortwechsel nicht infrage kommt

Frank von Wiegen ist Zugbegleiter bei der Regionalbahn Schleswig-Holstein. Die Zeit, die er täglich auf dem Weg zur Arbeit und wieder nach Hause zurücklegen muss, würde er lieber anders verbringen wollen. „Pendeln ist kein Vergnügen. Es kostet nicht nur Zeit, auch die oft überfüllten Züge sind eine Zumutung.“ Weil seine Frau in Lüneburg arbeitet, kommt ein Wohnortwechsel für ihn aber nicht in Betracht.

So wie von Wiegen müssen immer mehr Menschen immer weitere Strecken zur Arbeit zurücklegen – und verbrächten viel Lebenszeit im Stau, kritisiert Matthias Maurer, Bezirkschef der Gewerkschaft. Dafür sei maßgeblich auch eine verfehlte Wohnungsbaupolitik in den Ballungsgebieten verantwortlich. „Seit Jahren hält das Angebot bezahlbarer Wohnungen nicht mit dem Bedarf Schritt. Wir haben gerade in den größeren Städten eine gute Entwicklung bei den Arbeitsplätzen, aber für die Menschen wird es immer schwieriger, sich dort auch eine Wohnung zu leisten“, sagt Maurer. Strecken von mehr als 50 Kilometern bis zum Betrieb seien mittlerweile gang und gäbe. Dies belaste nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nerven und die Gesundheit der Betroffenen.

Gewerkschaft fordert Umdenken

Die IG BAU fordert ein Umdenken in der Wohnungspolitik. „Die öffentliche Hand muss viel mehr als bisher investieren, um bezahlbaren Wohnraum in den Metropolen und Ballungsräumen zu schaffen“, betont Maurer. Es würden mehr Sozialwohnungen und mehr bezahlbare Mietwohnungen gebraucht. Die Stadt Lüneburg hat bekanntlich gerade ein Wohnungsbauprogramm aufgelegt, sie möchte 2100 zusätzliche Wohneinheiten bis zum Jahr 2021 schaffen.

Um die Berufspendler zu entlasten, müsse mittelfristig jedoch auch die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden, fordert Maurer. „Wir brauchen bessere Schienennetze und mehr Radwege. Aber auch bei Straßen und Brücken ist der Nachholbedarf groß.“ Die Entwicklung im Kreis Lüneburg ist laut des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung Teil eines bundesweiten Trends: Im Jahr 2015 pendelten 60 Prozent aller Beschäftigten zum Arbeitsplatz. Durchschnittlich legten sie dabei 16,8 Kilometer zurück. 15 Jahre zuvor lag die Pendlerquote in Deutschland noch bei 53 Prozent. red/us