Dienstag , 22. September 2020
Wer hat Angst vor dem Wolf? Die Wölfe erobern sich Stück für Stück ihren alten Lebensraum zurück. Diese Entwicklung wird vor allem von Weidetierhaltern auf dem Lande mit großer Skepsis beobachtet. Foto: nh/nabu/jürgen borris

Wer hat Angst vor dem Wolf?

Neetze/Amelinghausen. Die einen melden den Behörden die Wolfsrisse schon gar nicht mehr. „Aus Frust!“, weiß Jäger Wilhelm Alvermann aus Neetze. „Weil man der M einung ist, dass das sowieso nichts bringt“. Andere dagegen wollen die Rückkehr des Wolfes nicht stillschweigend dulden, machen öffentlich mobil gegen Isegrim – mit Mahnfeuern und Demonstrationen.

Experten gehen bundesweit von 46 Rudeln, 15 Paaren und vier sesshaften Einzeltieren aus. Für Tierfreunde und Naturschützer ist die Rückkehr des Grautiers eine Erfolgsgeschichte – auf dem Lande aber sehen sich immer mehr Dorfbewohner und Weidetierhalter durch den Wolf bedroht. Und das offenbar nicht zu Unrecht: In Neetze beispielsweise hatte der Wolf an Ostermontag erneut in einem Damwildgatter zugeschlagen. Nicht zum ersten Mal. Insgesamt 15 Stücke Damwild hat er hier geholt. Einen sicheren Wolfsschutz zu schaffen, wie von der Landespolitik propagiert, sei hier nicht möglich, sagt Wilhelm Alvermann, ein pensionierter Polizeibeamter: „Das Gatter befindet sich im Bruch, der Boden ist nass und modrig, da kann man nicht einfach mit einem Stromzaun hantieren.“

In Reinstorf hat der Wolf wieder zugeschlagen

In den vergangenen Jahrzehnten sei das Gatter auch sicher gewesen – bis zur Rückkehr des Wolfes. „Der Räuber ist da“, weiß Alvermann. Und es sind seiner Erfahrung nach sogar mehr Tiere unterwegs, als offizielle Stellen dies glauben machen wollen. „Ich habe mehrere Fährten entdeckt, manche so groß, dass ich die Faust darin verstecken kann, aber auch kleinere.“ Für Alvermann ein Beleg dafür, dass mehr als nur ein einsamer Wolf durch die Ostheide streift.

Auch in Reinstorf hat der Wolf dieser Tage wieder zugeschlagen – ein Damwild-Gatter, das ebenfalls schon von dem Grautier heimgesucht worden war. Obwohl hier Michael Flügge-Munstermann, Wolfsberater der Lüneburger Jägerschaft, vor einigen Monaten bereits versucht hatte, das Areal mit einem Stromzaun zu sichern.

Akzeptanz für den Wolf bei der Landbevölkerung sinkt

Wen wundert‘s, dass die Akzeptanz für den Wolf bei der Landbevölkerung laut Helmut Dammann-Tamke, CDU-Landtagsabgeordneter und Präsident des Landesjagdverbandes, dramatisch sinkt – und zwar dort, wo sich der Canide etabliert habe. Eine Selbstregulierung des Wolfes durch Nahrungsmangel, so Dammann-Tamke, sei in Deutschland unrealistisch, seine Ausbreitung werde sich rasant fortsetzen. Hinzu komme, dass der Wolf keine genetisch verankerte Scheu vor dem Menschen habe. Diese wird erlernt und an die nächste Generation weitergegeben. „Wir müssen dem Wolf also beibringen, sich vom Menschen und seinen Nutztieren fernzuhalten“, so das Präsidiumsmitglied. Dies sei notwendig, um insbesondere die Weidetierhaltung in Deutschland zu erhalten.

Denkbar für ein effektives Management wäre laut Jägerschaft beispielsweise, mindestens ein Tier je Rudel mit einem Sender zu versehen. Zeigen die Monitoring-Daten, dass ein Rudel auffällig ist, können entsprechende Vergrämungsmaßnahmen eingeleitet werden. Der Abschuss von einzelnen Tieren dürfe dabei kein Tabu sein.

Dieser Einschätzung wird Jochen Studtmann aus Amelinghausen kaum widersprechen wollen. Der Landwirt und Reiterhofbesitzer, selbst Jäger, hält die Wolfspolitik ohnehin für verfehlt: „Diejenigen, die uns jetzt die Probleme mit dem Wolf aufbürden, sind nicht die, die das später regeln müssen“, kritisiert der Amelinghausener – „die sind dann abgetaucht oder längst nicht mehr in Amt und Würden.“ Studtmann kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit der Wolfspolitik vor allem grünes Klientel in den Städten bedient werden soll, „gegen die Interessen der Landbevölkerung. Als verantwortlicher Politiker“, so Studtmann, „könnte ich da jedenfalls nicht mehr ruhig schlafen!“

In Niedersachsen ist die Zahl der vom Wolf getöteten Weidetiere 2016 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen: Nach Zahlen des Wildtiermanagements gab es 68 eindeutig dem Wolf zugeordnete Fälle mit insgesamt 175 getöteten Tieren, 2015 waren es 64 gemeldete Schäden und 165 getötete Tiere.

Bundesweit liegt die Zahl der gerissenen Nutztiere seit dem Jahr 2000 bei 2300 Tieren – als Ausgleichszahlungen erhielten die Besitzer 331.346 Euro.
Von Klaus Reschke