Oliver Scheithe und Ilka Eschricht setzen sich in Lüneburg für das bedingungslose Grundeinkommen ein, für Niedersachsen haben sie es schon auf den Wahlzettel geschafft. Foto: t&w

Bedingsloses Grundeinkommen: monatlich 1000 Euro – einfach so

Lüneburg. Ein Einkommen für alle ohne Bedingungen sollte ein Grundrecht sein: Diese Meinung vertreten Ilka Eschricht und Oliver Scheithe, sie engagieren sich in der Initiative Grundeinkommen Lüneburg-Wendland. Seit dem vergangenen Jahr gibt es auch eine Partei, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Das Ziel: Das bedingungslose Grundeinkommen bei der Bundestagswahl im September wählbar zu machen. In Niedersachsen haben sie die 2000 Stimmen bereits zusammen, die Zulassung zur Wahl ist gesichert.

Viel Zuspruch von Ladeninhabern

Rund ein Viertel der Unterschriften stammt aus Lüneburg – „eine Grundeinkommens-Hochburg“, sagt Oliver Scheithe (50), der viele Ladeninhaber für das Projekt gewinnen konnte. „Ich habe speziell die inhabergeführten Geschäfte angesprochen, weil sie nach und nach aussterben.“ Für die Besitzer wäre ein fester monatlicher Betrag aus seiner Sicht ideal, „sie müssten dann nicht mehr jeden Monat kämpfen“. Auch unter den Marktbeschickern sei das Interesse groß.

Ganz neu ist die Idee des Grundeinkommens nicht, doch sie scheint mehr und mehr Fürsprecher zu finden. Allein in Deutschland gibt es heute 40 verschiedene Ansätze, weiß Oliver Scheithe. Für Ilka Eschricht steht fest, dass der Betrag nicht unter Hartz-IV-Niveau liegen darf. „Das Grundeinkommen soll keine Sozialleistung, sondern eine Absicherung sein.“ Die monatliche Summe, beispielsweise 1000 Euro, soll ein „verlässlicher Sockel“ sein.

Freier Kopf und mehr Zeit durch Grundeinkommen

Die 36-Jährige ist von der Idee deshalb so überzeugt, weil sie glaubt, dass man mit Grundeinkommen den Kopf frei und mehr Zeit hat, etwas Sinnvolles zu tun. „Bei mir gibt es keine Arbeit-Freizeit-Trennung. Ich definiere mich über das, was ich tue, weil ich es wichtig finde“, erklärt sie. In ihrem Umfeld würden sich viele ausschließlich über den Beruf definieren. Das kann die Sozialarbeiterin nicht nachvollziehen: „Ich bin doch nicht deshalb etwas wert, weil ich meine Existenz selbst sichern kann.“

Oliver Scheithe glaubt, dass sich deutlich mehr Menschen ehrenamtlich engagieren, wenn sie ein Grundeinkommen hätten. Der Bankkaufmann kümmert sich seit 20 Jahren um junge Verwitwete. „Diese Frauen werden stark mit existenziellen Nöten konfrontiert.“ Er kennt viele ehrenamtliche Trauerbegleiter, die gern mehr Zeit in diese Arbeit stecken würden. Auch sieht der Vater den Leistungsdruck bei seinen Kindern. „Sie werden im Studium geradezu ausgequetscht, dürfen sich kaum Fehlsemester leisten“, sagt er.

Menschen müssten arbeiten, um Geld zu verdienen. Für Ilka Eschricht ist dieses „Leistungsparadigma überholt“. Schon jetzt gebe es nicht genügend Arbeitsplätze. Auch sei die Technik heutzutage so weit fortgeschritten, dass sie manche Arbeit übernehmen könnte. „Weil dadurch aber weitere Arbeitsplätze wegfallen, wird dieser Fortschritt nicht als etwas Gutes erkannt.“
Natürlich kennt das Duo auch die Kritik an der Idee. Allen voran wird die Finanzierbarkeit infrage gestellt, zudem gibt es Befürchtungen, dass der monatliche Zuschuss Geringverdiener dazu verleitet, gar nicht mehr arbeiten zu gehen. Ilka Eschricht nennt die heutigen Sozialleistungen und den „Riesen-Bürokratie-Apparat“ als Finanzierungsmöglichkeit. „Da fließen Gelder in ein System, die in unseren Augen verpuffen.“

Filmvorführung und Diskussion

Auch Scheithe ist sich sicher, dass man ein Grundeinkommen finanzieren kann, „wenn man es will. Das Volkseinkommen liegt bei 2,5 Billionen Euro, für das Grundeinkommen bräuchte man zwischen 0,8 und 1,3 Billionen Euro. Es geht also nur um eine Umverteilung.“ Die Befürchtung, dass einige gar nicht mehr arbeiten würden, kann Ilka Eschricht nicht teilen. „Das steigert doch die Qualität der Arbeit, zurzeit ist der Druck das Problem, wegen existenzieller Sorgen sind einige Menschen nicht richtig bei der Sache.“ Das sei auch an dem derzeitigen Rechtsruck zu erkennen, ergänzt Scheithe.

„Viele suchen nach Sündenböcken.“Um mit anderen ins Gespräch zu kommen, wurde die Partei „Bündnis Grundeinkommen“ ins Leben gerufen. Das versteht die hiesige Initiative als „Ein-Themen-Partei“, die keinen anderen Zweck verfolgt, als die Einführung des Grundeinkommens mit demokratischen Mitteln voranzubringen. „So können sich die Menschen klar dafür aussprechen.“

▶ Die Initiative trifft sich jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Lokal „Pons“ am Stint. Interessierte sind eingeladen, mitzudiskutieren. Am Sonntag, 21. Mai, ab 16.30 Uhr zeigt die Initiative im Scala-Kino den Film „Grundeinkommen – ein Kulturimpuls“, im Anschluss ist eine Diskussionsrunde geplant. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen: www.buendnis-grundeinkommen.de.

Die Idee

Das bedingungslose Grundeinkommen wird schon seit Jahrzehnten in Europa diskutiert. Die Idee ist ein verfügbares monatliches Geldbudget ohne Job: Jeder Bürger erhält unabhängig von seiner finanziellen Lage und ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen eine finanzielle Zuwendung vom Staat.

Dabei gibt es verschiedene Ansätze und Modelle, konkret umgesetzt wurde es noch in keinem Land. In Finnland läuft seit Jahresbeginn ein Testdurchlauf – mit 2000 Arbeitslosen und 560 Euro im Monat. So will man herausfinden, ob ein Grundeinkommen das soziale System des Landes vereinfachen und mehr Menschen in Jobs bringen kann.

In Deutschland hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles dem Modell gerade eine Absage erteilt.