Dienstag , 20. Oktober 2020
Ein Gützerzug fährt durch den Lüneburger Tiergarten. Sie gelten als besonders laut, gerade Anwohner möchten deshalb, dass möglichst wenige von ihnen auf der Strecke durch die Stadt fahren.

Risikofaktor Güterverkehr

Lüneburg. Komplex bis verwirrend und viele Fragen offen. Dieses Bild mussten die Mitglieder des Verkehrsausschusses gewinnen, der sich jetzt über den aktuellen Stand der Planungen zur Umsetzung der Alpha-E-Variante im Raum Lüneburg informieren ließ. Dabei zeigte sich, auf welches Dilemma die Stadt zusteuert, wenn sie an ihren Forderungen zur Reduzierung des Schienen-Güterverkehrs durch Lüneburg festhält.

„Wenn die Umfahrung kommt, wird nicht der Güterverkehr, sondern der Schnellverkehr umgelenkt“, warnte Ulrich Löb (Grüne). Er stellte sich damit ebenso wie seine Fraktionskollegin Claudia Schmidt gegen die Forderung der Stadt zu einer Neubaustrecke, die Lüneburg vom zunehmenden Güterverkehr entlasten soll. „Statt weiter an einer Ortsumfahrung festzuhalten, sollten wir unsere Kräfte darauf konzentrieren, einen besseren Lämschutz an der Bestandsstrecke zu bekommen“, sagte Löb.

Doch ob eine Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover entlang der A7 oder lediglich eine Ortsumfahrung von Lüneburg als kleinere Variante von der Bahn überhaupt in Betracht gezogen wird, scheint derzeit ebenso unklar wie vieles, was die Umsetzung von Alpha E betrifft, wie Dr. Karl-Heinz Rehbein, Umweltbeauftragter der Stadt, deutlich machte. Eines zeichne sich aber ab: „Orientierung für die künftige Infrastruktur der Bahn sind deren Zielfahrpläne für das Jahr 2030.“ Diese sehen laut Rehbein eine Fahrzeitverkürzung auf der ICE-Strecke Hamburg-Hannover von elf Minuten vor, um Hamburg als wichtigen Knotenpunkt besser in den Deutschlandtakt der Bahn einbinden zu können.

Mogelt sich die Bahn an den Vorgaben vorbei?

Zwar erwartet die Stadt, dass die Bahn ihren zusätzlichen Güterverkehr dann auf die Neubaustrecke oder Ortsumfahrung schickt, doch ob es so kommt, ist nicht nur ungewiss, es birgt für Lüneburg auch Risiken, wie Stadtrat Markus Moßmann aufzeigte. Er sprach von einem „Zielkonflikt“, weil dadurch auch der für Lüneburg selbst wichtige Güterverkehr eingeschränkt werden könnte. Deshalb, aber auch, weil die Stadt auf den Ausbau im Personennahverkehr der Bahn setze, sei der dreigleisige Ausbau der Strecke Lüneburg-Uelzen wichtig. Die Verwaltung drängt in dem Fall aber auf den dafür gesetzlich vorgesehenen Lämschutz von der Ilmenaubrücke bis nach Wilschenbruch. Allerdings sieht Rehbein die Gefahr, dass die Bahn sich daran vorbeimogeln könnte: „Ich vermute, dass sie mit vielen kleinen Maßnahmen versucht, unter der Schwelle zu bleiben, ab der ein gesetzlicher Lärmschutz vorgeschrieben ist.“

„Wir müssen abwarten, was die Bahn plant und ob wir gegebenenfalls den Druck erhöhen müssen“, sagte Moßmann und zog sich damit den Unmut von Dr. Gerhard Scharf (CDU) zu: „Das reicht mir nicht, einfach nur abwarten, ist zu wenig!“ Wenn die Stadt sich nicht frühzeitig in laufende Entscheidungen einbringe, „habe wir keine Chance mehr“. Scharf forderte deshalb bereits jetzt eine klare Stellungnahme seitens der Stadt, die sich dabei auf wenige Punkte konzentrieren sollte. „Dieses Ding durch Lüneburg zu legen, wäre eine Katastrophe. Ich kann dann nur sagen: Leute wehrt Euch!“

Zu früh für Statements

Das stieß sowohl beim Ausschussvorsitzenden Jens-Peter Schultz (SPD) als auch bei Birte Schellmann auf wenig Zustimmung. „Es ist zu früh für Statements, wir sind erst am Anfang des Verfahrens“, sagte Schultz. Michèl Pauly (Linke) sprach sich dagegen aus, die „normative Stellungnahme der Stadt“ einfach nur zur Kenntnis zu nehmen: „Das trage ich nicht mit.“ Auch solle man sich lösen von der Vorstellung, sich bei der Alpha-E-Variante nur die Rosinen rauspicken zu können. „Man muss sich entscheiden: Entweder man trägt das Ergebnis mit oder nicht.“ Dem widersprach Moßmann, „außerdem sehe ich mich derzeit zu einer Stellungnahme auch noch gar nicht in der Lage“.
Frühzeitige Stellungnahmen sind durchaus willkommen

Dass sogar die Bahn selbst frühzeitige Hinweise begrüße, macht Armin Skierlo, Sprecher Großprojekte der Bahn AG, auf LZ-Nachfrage deutlich. Auf die Umfahrung angesprochen, führt Skierlo aus, dass sich dadurch Möglichkeiten ergeben, Güterzüge an Lüneburg vorbei zu führen. „Eine etwaige Umfahrung kann besonders nachts vom Güterverkehr genutzt werden, wenn kaum oder keine Personenzüge mehr unterwegs sind.“

Mit ersten belastbaren Ergebnissen ist laut Rehbein im ersten Quartal 2018 mit der Vergabe der Planungsleistungen zu rechnen. Der nächste „Runde Tisch“ im Landkreis Lüneburg ist im Oktober geplant. Dass es bei der jüngsten Zusammenkunft am 23. März in Deutsch Evern keine Bürgerinitiative aus Lüneburg ihre Stimme erhoben hatte, bezeichnete Rehbein als „höchst misslich“.

Von Ulf Stüwe

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