Thorsten Röhr möchte eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen nach Unfall/Verletzung gründen. Foto: t&w

Posttraumatische Belastungsstörung: Knochen heilen, die Seele leidet

Lüneburg. Ein Bild überfällt Thorsten Röhr immer wieder: „Ich sehe den Baum auf mich zukommen, dann ein helles Licht, dann ist es dunkel.“ Panische Ängste steigen in solchen Momenten in ihm hoch, auch noch zehn Jahre, nachdem er einen schweren Verkehrsunfall hatte. Thorsten Röhr ist einer von vielen, für die ein Unfall ein psychisches Trauma darstellt. Nun will der 33-Jährige eine Gruppe für Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach Unfall/Verletzung über die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen gründen. In dieser soll es neben dem Austausch vorrangig um gemeinsame Aktivitäten gehen, um so die Gefahr der Isolation aufzubrechen.

Die Knochen heilen, doch die Seele leidet weiter: Ein Viertel aller bei einem Verkehrsunfall schwer Verletzten leidet danach unter ernstzunehmenden psychischen Beschwerden. Die Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Posttraumatische Belastungsstörung oder Depression, können auch erst in den Monaten nach einem Unfall auftreten. In den meisten Fällen sind die psychischen Symptome dauerhaft. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) aus dem Jahr 2014.

Schwere körperliche und seelische Verletzungen

2007 war für Thorsten Röhr noch klar: Er wollte den Hof seiner Eltern übernehmen, nachdem er in der Landwirtschaft gelernt und gerade seinen staatlich geprüften Wirtschafter drangehängt hatte. Doch dann die Zäsur. Er erleidet als Beifahrer einen schweren Autounfall. Der Wagen sei ins Schlingern geraten, dann gegen einen Baum geprallt, berichtet er knapp. Die körperlichen Folgen sind erheblich: Der rechte Arme war zertrümmert, er hatte Quetschungen an der Lunge, Rippenbrüche und einen Herzhöhlenriss. Zwei Wochen wird er ins künstliche Koma versetzt. Es dauert Monate, bis die Verletzungen geheilt sind, doch die psychischen Belastungen bleiben.

"Panik steigt dann in mir hoch, dass der Fahrer das Auto nicht unter Kontrolle hat." Thorsten Röhr

Es kommt nicht nur immer wieder dieses Bild von den letzten Sekunden vor dem Crash in ihm hoch, ihn befallen auch Ängste in bestimmten Situationen. „Zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, schießt es mir plötzlich durch den Kopf, es könnten Reifen platzen. Dann muss ich erst einmal anhalten und Luft holen. Oder wenn ich Beifahrer bin und wir über eine Allee fahren, habe ich das Gefühl, dass die Bäume auf mich zukommen. Panik steigt dann in mir hoch, dass der Fahrer das Auto nicht unter Kontrolle hat“, schildert Röhr.

"Man braucht eine starke Person"

Eine Therapie habe er gemacht. Sein Gefühl: „Dabei wird immer wieder vieles hochgekocht.“ Doch Röhr räumt auch ein, dass es für andere Betroffene durchaus sinnvoll und notwendig ist, professionelle Hilfe zu nutzen. Eine Frage der eigenen Entscheidung. Er habe versucht, den Blick möglichst nach vorne zu richten und zu gucken, was ihm gut tut. Das seien Aktivitäten und in Bewegung bleiben, diese Erfahrung habe er in der Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik Lüneburg gemacht. Wichtig sei auch der Rückhalt durch das soziale Umfeld. „Ich ziehe mich oft zurück in Folge der Panik-Situationen. Dann sagt meine Frau: Lass uns etwas unternehmen. Danach geht es mir in der Regel besser. Man braucht eine starke Person oder Menschen im Hintergrund, die auffangen und unterstützen.“

Das können aus seiner Sicht auch Betroffene in einer Selbsthilfegruppe bieten. Im Austausch könne man voneinander erfahren, welche Schritte die anderen bereits gegangen sind und wo die Herausforderungen im Alltag liegen. Ziel sei es aber nicht, die traumatischen Ereignisse wieder aufzuwühlen, sondern gemeinsam etwas zu unternehmen wie Kinobesuche, Spaziergänge oder DVD-Abende. In der Gruppe sollen die Vorschläge dafür gemeinsam entwickelt werden. Röhr unterstreicht aber auch: Die Gruppe ersetze keine Therapie, könne sie nur ergänzen.
Weitere Informationen gibt es bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen unter (04131) 861821.

Von Antje Schäfer