Montag , 21. September 2020
Ein moderner Triebwagen wird in der Zeit vom 15. bis 19. Mai jeweils fünfmal täglich zwischen Lüneburg und Bleckede verkehren. Foto: nh

S-Bahn nach Bleckede: Traum wird wahr – für fünf Tage

Bleckede. Von einem „S-Bahn-Verkehr“, in der Region unter anderem zwischen Lüneburg und Bleckede, als einer Notwendigkeit für die Zukunft hatte Prof. Dr. Peter Pez, Stadt- und Kulturraumforscher an der Leuphana Universität, erst in der vergangenen Woche in einem Vortrag gesprochen. Damit hatte der Wissenschaftler so manche Träume blühen lassen. Ganz schnell werden diese Träume jetzt wahr – wenn auch nur für fünf Tage: In der Zeit vom 15. bis 19. Mai (Montag bis Freitag) bietet die Bleckeder Kleinbahn einen „S-Bahnverkehr“ auf Probe zwischen Bleckede und Lüneburg mit täglich fünf Abfahrten in beiden Richtungen an.

Die Fahrten, eine Befragung der Passagiere und anfallende Passagier-, Zu- und Ausstiegsdaten sollen die Grundlage für eine Studie zur Akzeptanz einer regelmäßigen Bahnverbindung zwischen Lüneburg und Bleckede sein.

Regelmäßiger Schienenverkehr wurde vor 40 Jahren eingestellt

Ein moderner Triebwagen, zur Verfügung gestellt von der „Nebenbahn Staßfurt-Egeln“, einem Eisenbahn-Oldtimer-Verein aus der Nähe von Magdeburg, wird in zwei Wochen zwischen Lüneburg und Bleckede pendeln. Der Triebwagen mit 88 Sitz- und weiteren Stehplätzen wurde 1976 gebaut und in den 1990er-Jahren gründlich erneuert. Die Bleckeder Kleinbahn, eine 100-prozentige Tochter der „Arbeitsgemeinschaft der Verkehrsfreunde Lüneburg“ (AVL), ist Betreiber der Eisenbahnstrecke Lüneburg-Bleckede. Die gehörte ehemals zu der Osthannoverschen Eisenbahn AG (OHE).

Im Mai 1977 war der regelmäßige Schienenpersonenverkehr zwischen Lüneburg und Bleckede eingestellt worden. Derzeit wird die Strecke von Museums- und Touristikzügen und vereinzelten Güterzugfahrten bedient.

Pero Schmidt, örtlicher Betriebsleiter der Bleckeder Kleinbahn, erinnert an Fahrgastzahlen von über 300 000 pro Jahr noch in den 1970er-Jahren. 1993 war vom Landkreis Lüneburg eine erste Studie über eine Wiederaufnahme des regelmäßigen Personenverkehrs in Auftrag gegeben worden.

Bahn ist derzeit langsamer als Bus

Die „Studiengesellschaft Verkehr“ aus Hamburg hatte im Sommer 1994 die Ergebnisse vorgelegt, dabei Investitionskosten von 24,5 Millionen Mark errechnet, unter anderem für Arbeiten am Gleiskörper, damit die Züge 80 km/h fahren können – die Überlegungen für eine Wiederaufnahme des regelmäßigen Personenverkehrs wurden nicht weiter verfolgt.

Eine weitere Studie wurde angefertigt, als Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) 2013 ein Programm zur Wiederbelebung von stillgelegten Bahnstrecken auflegte – acht Strecken wurden damals in das weitere Verfahren aufgenommen, Bleckede verpasste diese Schwelle nur knapp. Dabei seien einzelne Aspekte, etwa die touristische Bedeutung der Bahnlinie Lüneburg-Bleckede, nicht einmal entsprechend berücksichtigt worden, findet Pero Schmidt.

80 km/h – so schnell konnten die Züge auf der Strecke zur Zeit der Studie von 1993 nicht fahren, das können sie auch heute nicht. Und so dauert die Bahnfahrt im Probeverkehr in der übernächsten Woche auch rund zehn Minuten länger als die entsprechende Busfahrt zwischen Lüneburg und Bleckede. Pero Schmidt: „Bei einer eventuellen Ertüchtigung der Strecke für Fahrgeschwindigkeiten bis zu 80 km/h könnte die Fahrzeit aber auf rund 29 Minuten, inklusive notwendiger Zugkreuzungen für den Stundentakt, reduziert werden.

Fahrgäste sollen Fragebogen beantworten

Die Bleckeder Kleinbahner werden die Fahrgäste während des fünftägigen Probebetriebs um die Beantwortung eines anonymen Fragebogens bitten. Schmidt: „Die Ergebnisse der Fahrtage werden wir den entsprechenden Stellen zur Verfügung stellen.“

Die Ziele der Bleckeder Kleinbahner sind aber höher gesteckt: Sie schlagen eine Gesamtstudie vor, in der untersucht werden soll, wie Bahn- und Busverkehr in der Region sinnvoll verknüpft werden können. Pero Schmidt: „Bahn und Bus sollen sich sinnvoll ergänzen.“

Bleckedes Bürgermeister Jens Böther (CDU) freut sich schon auf den fünftägigen Anschluss seiner Stadt an das Personenzugbahnnetz – Ehrensache ist es für ihn deshalb auch, bei mindestens einer Fahrt nach Lüneburg und zurück dabei zu sein. „Vielleicht ist das ja eine Option für die Zukunft“, sagt der Rathauschef.

Von Ingo Petersen

Fünf Fahrten je Richtung täglich

In der Woche vom 15. bis 19. Mai verkehren Züge von Lüneburg (Bahnhof, Gleis 4) nach Bleckede um 7.44 Uhr, 9.44 Uhr, 13.44 Uhr, 15.44 Uhr und 17.44 Uhr. In der Gegenrichtung ist Abfahrt von Bleckede um 6.33 Uhr, 8.33 Uhr, 12.33 Uhr, 14.33 Uhr und 16.33 Uhr.

Die Züge halten auch in Neetze und Scharnebeck. Die Fahrzeit beträgt jeweils 40 Minuten, für die Züge von Bleckede nach Lüneburg gibt es Anschlüsse nach Hamburg und Uelzen jeweils innerhalb von 15 bis 20 Minuten.

HVV-Zeitkarten, Tageskarten, Einzelfahrausweise und das Niedersachsenticket werden zwischen Lüneburg und Bleckede anerkannt.

Einzelfahrausweise für die Züge zwischen Lüneburg und Bleckede werden unterwegs verkauft, gelten nur hier und berechtigen nicht zum Umstieg in Angebote des HVV.

Die Einzelfahrt zwischen Lüneburg und Bleckede kostet 3,20 Euro (Erwachsene)