Donnerstag , 6. August 2020
Dieses Bild dürfte bald der Vergangenheit angehören. Aufgrund der Rückkehr des Wolfes ist die Anzahl der Wildschafe massiv dezimiert. Foto: nh

Mufflons in der Göhrde: erst ausgesetzt, bald ausgerottet?

Lüneburg/Göhrde. Die Göhrde wird schon bald um eine Tierart ärmer sein: Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das letzte Mufflon das Zeitliche segnen wird. Von den einst 250 bis 300 Wildschafen sind in der Göhrde maximal noch 20 Tiere vorhanden. „Und das ist auch nur eine vorsichtige Schätzung“, sagt Peter Pabel, Vorsitzender des Hochwildringes Göhrde. „Schuld“ an dieser Entwicklung trägt dieses Mal nicht der Mensch, sondern der Wolf.

Mehr als 100 Jahre zog das Muffelwild weitgehend unbehelligt seine Fährte in dem großen Mischwaldgebiet der Göhrde. Doch mit Isegrims Rückkehr schrumpften die Muffelwildbestände in den vergangenen drei Jahren in der Göhrde dramatisch. Alle Versuche des Hochwildringes, Tiere lebend zu fangen, um ihre genetische Substanz zu sichern, schlugen fehl.
Wir wollten einige Mufflons fangen, um sie in einem geschützten Umfeld, beispielsweise im Wildpark Springe, wieder zu vermehren“, erklärt Peter Pabel. Diesen Plan hat der Wildexperte inzwischen aufgegeben. „Das bringt nichts mehr!“

„Wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild.“
Peter Pabel, Vorsitzender Hochwildring

Dabei ist der Bestand des Muffelwildes in der Göhrde das einzige noch reinrassige Vorkommen in Deutschland, wenn nicht gar weltweit überhaupt. Das hat das Institut für Wildbiologie in Göttingen nachgewiesen. Urspünglich stammten die Tiere von den Mittelmeerinseln Sardinien und Korsika. Doch während in vielen anderen Ländern Hausschafe in die Population der Mufflons eingekreuzt wurden, ist das in der Göhrde nicht der Fall gewesen. Auch deshalb sind die Göhrder Mufflons für die Biologen von so großer Bedeutung.

Dass die Wildschafe überhaupt mehr als 100 Jahre lang durch das Göhrder Waldgebiet streifen konnten, ist dem Hamburger Großkaufmann Louis Oscar Tesdorpf zu verdanken, der als Naturfreund 1903 diese Wildschafe in der Göhrde ausgesetzt hatte, um den Wald mit einer weiteren Wildart zu bereichern. Die Tiere nahmen den neuen Lebensraum gut an und entwickelten sich prächtig – auch zur Freude von Kaiser Wilhelm II, der in der Göhrde jagte und 1911 zwei Muffelwidder erlegen konnte.

Doch jetzt ist es Isegrim, der für das Verschwinden der Muffelwild-Population in der Göhrde sorgt. „Deutschland ist Wolfsland“, stellt Peter Pabel fest und fügt hinzu: „Wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild.“ Dass das Raubtier offenbar wenig Probleme mit dem Jagen von Mufflons hat, begründet Wildexperte Pabel mit der „fehlenden gemeinsamen Vergangenheit von Mufflon und Wolf.“

In den Bergen reicht den Mufflons die schnelle Flucht in eine Felsspalte, um den Fressfeinden zu entkommen“, sagt Pabel: „Die Mufflons wirken irgendwie kopflos, wenn der Wolf sich nähert. Sie flüchten ein kurzes Stück, bleiben dann stehen und rudeln sich zusammen, danach rennen sie wieder“, beschreibt der Vorsitzende des Hochwildringes Göhrde das Fluchtverhalten. Nur: In der Göhrde gibt es keine Berghänge und keine Felsen – und somit sind die Tiere leichte Beute für Wölfe. so lange, bis auch das letzte Mufflon gerissen ist.

Von Klaus Reschke und Oskar Lüning

„Mahn- und Solidarfeuer“ der Schafhalter

Kritisch beurteilen die Weidetierhalter die Rückkehr des Wolfes: „Viele Nutztierhalter sehen sich in Folge der immer größer werdenden Wolfspopulation gezwungen, die Weidetierhaltung aufzugeben oder denken darüber nach“, sagt Wendelin Schmücker, Vorsitzender des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung.

Mit einer bundesweiten Aktion am Freitag, 12. Mai, bei der „Mahn- und Solidarfeuer“ entzündet werden sollen, will der Verein mit den Weidetierhaltern Nordost-Niedersachsens auf die Sorgen der Schaf- und Weidetierhalter aufmerksam und gegen die Ausbreitung der Wölfe mobil machen. Schmücker fordert ein Überdenken der Entschädigungspraxis nach Nutztierrissen sowie der Regularien für Präventionszahlungen. „Wir wollen mit unseren ‚Wolfs-Nachtwachen‘ die Politiker aufwecken!“