Mittwoch , 23. September 2020
Sie wollen nachhaltiges Einkaufen in Lüneburg alltagstauglich machen: (v.l.) Lisa Heldt, Henrik Siepelmeyer und Celine Ebeloe.

Ein Laden ganz ohne Verpackungen

Lüneburg. Wer seinen Behälter selbst mitbringt, muss ihn vorm Einkauf erstmal wiegen, um am Ende an der Kasse nur das zu bezahlen, was er neu mit nach Hause nimmt. Denn im Laden gibt es Nudeln, Käse und Milch nicht in den gewohnten Verpackungen, alles ist als lose Ware erhältlich. Reis und Müsli kommen aus großen Spendern, Gewürze und Kräuter kann der Kunde aus Gläsern löffeln, Öl in einen Kanister abfüllen. Noch gibt es den Unverpackt-Laden in Lüneburg nur auf dem Papier, doch drei Studenten möchten ihn demnächst eröffnen.

Müsli aus dem Spender, Öl aus dem Kanister

Dass Produkte ohne Plastikverpackungen im Einkaufskorb landen oder der Kunde sein leeres Marmeladenglas mitbringen kann, ist nicht der einzige Schwerpunkt. Bei „plietsch“ – so wird der Laden heißen – soll nachhaltiges Einkaufen alltagstauglich sein, sollen regionale und saisonale Produkte Kunden locken. Dort darf ein Apfel auch mal einen Schönheitsmakel haben.
Henrik Siepelmeyer (23), Lisa Heldt (23) und Celine Ebeloe (22) studieren an der Leuphana, seit Jahren setzen sie sich mit Nachhaltigkeit auseinander. Ein Thema, das nicht jeder für greifbar hält. Mit dem eigenen Laden will das Trio auch andere befähigen, „die schlaueste Entscheidung zu treffen“.

Die Idee, in Lüneburg einen Unverpackt-Laden zu eröffnen, kam ursprünglich von einem Kommilitonen, geäußert im Internet. 100 Teilnehmer kamen zu einem ersten Treffen. Die Gruppe wurde bald kleiner. „Nur wenige waren bereit, auch wirklich einen Laden zu gründen“, sagt Henrik Siepelmeyer. Neun Personen sind übrig geblieben.

Alltagstauglichkeit ist ihnen bei der Realisierung besonders wichtig. Vor hiesigen Supermärkten haben sie 400 Personen befragt und dabei erfahren, dass das Interesse an sich groß sei. Doch das sei nicht praktikabel, lautete ein häufiger Vorwurf. Wer zum Beispiel spontan nach der Arbeit einkaufen gehen möchte, habe meist keine Behälter zum Abfüllen dabei.

Bei plietsch werde das anders laufen: Ein Verleih- und Pfandsystem soll beim Behälter-Problem Abhilfe schaffen, ein Lieferservice oder ein leihbares Lastenrad den Transport erleichtern. Das Trio ist sich sicher, dass es viele Menschen in Lüneburg gibt, die gern bewusster einkaufen wollen. Celine Ebeloe sagt: „Wir wollen bei unserer Idee den Genuss nicht aus dem Blick verlieren. Nachhaltiges Einkaufen soll keine Last sein, sondern neue Wertschätzung für Lebensmittel entfachen.“

Damit es losgehen kann, brauchen sie noch einen Standort. Es gebe mehrere Optionen, eine Entscheidung soll im Mai fallen. Ein eigenständiges Geschäft sei ebenso denkbar wie die Ergänzung eines Marktstandes oder eine Shop-in-Shop-Lösung. „Eine Alltagstauglichkeit wäre auch gegeben, wenn wir einen bestehenden Lebensmitteladen mit plietschem Einkaufen ergänzen“, sagt Henrik Siepelmeyer. Dann könnte man eine größere Produktpalette anbieten und der Kunde müsste sich nicht großartig umorientieren. „Alles bleibt im Umfeld.“

Auszeichnung für die Gründungsidee

Unterstützung erfährt das Team aus dem Netzwerk der bereits bestehenden Unverpackt-Läden. Dort können sie stets Fragen zur Hygieneverordnung, Bestellung von Behältern oder Grundfinanzierung loswerden. Bei einem eigenen Laden würden – ohne Lohn für Personal gerechnet – Kosten von zunächst 80.000 Euro anfallen, schätzen sie. „Wir tragen das in der ersten Zeit selbst, achten dabei nicht so sehr auf unsere Stundensätze“, sagt Henrik Siepelmeyer und lacht. Über Darlehen, Zuschüsse von der Kommune und Crowdfunding könnten sie das Projekt stemmen. „Außerdem gibt es viele Wettbewerbe für Gründungsideen.“ Beim „Dies Academicus“ an der Uni wurde das Team bereits ausgezeichnet. „Das bestätigt uns darin, dass Lüneburg das richtige Pflaster für einen solchen Laden ist.“

Von Anna Paarmann