Samstag , 24. Oktober 2020
Im Juni 2013 überschwemmte die Elbe weite teile des Deichvorlands, wie hier an der Fischerei in Hohnstorf. Foto: tja

Hochwasserschutz Elbe: Ein Bündnis gegen die Fluten

Lauenburg. Um den Schutz der Menschen vor Hochwasser an der Elbe kümmern sich Experten aus den anliegenden Bundesländern gemeinsam – aber ohne Schleswig-Holstein. Dennoch startete eine länderübergreifende Fachtagung zu Themen des aktuellen Hochwasserschutzes an der Elbe gestern in Lauenburg. An Bord des Fahrgastschiffes „Lüneburger Heide“ tauschten sich 100 Experten aus mehreren Bundesländern auf Einladung des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) aus.

„Die Deiche waren noch nie so sicher wie heute, trotzdem müssen wir weitere Anstrengungen unternehmen, um für künftige Hochwasserereignisse gewappnet zu sein“, machte Almut Kottwitz, Umwelt-Staatssekretärin in Hannover, deutlich. 240 Millionen Euro hat das Land seit der „Jahrhundertflut“ 2002 für den Hochwasserschutz an der Elbe verbaut oder bereitgestellt.

„Das dauert einfach alles zu lange hier.“
Reinhard Nieberg, Bauamtsleiter in Lauenburg

Zur Fachtagung zum Thema Hochwasserschutz an der Elbe starteten Heiko Warnecke (v.r.), Almut Kottwitz, Rainer Carstens und Klaus-Jürgen Steinhoff jetzt in Lauenburg. Foto: tja

Gefahr von Dresden bis Geesthacht

Bei herrlichem Wetter und normalem Wasserstand starteten die Experten aus ganz Deutschland in Lauenburg zur Fachtagung an Bord der „Lüneburger Heide“. Allen ist bekannt, dass sich die Elbe auch ganz anders, nämlich mit fünf Meter höherem Wasserstand, zeigen kann. Und dann droht Gefahr von Dresden bis Geesthacht. „Deshalb stimmen wir seit drei Jahren Maßnahmen in einem Rahmenplan ab“, erklärte Klaus-Jürgen Steinhoff vom NLWKN. In keinem anderen Bundesland an der Elbe ist man so weit wie in Niedersachsen. „Wir haben eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die es uns ermöglicht, Maßnahmen direkt abzustimmen und schneller umzusetzen“, begründete Steinhoff das Erfolgsrezept für den modernen Küstenschutz.

Ziel der abgestimmten Maßnahmen zum Hochwasserschutz soll die Reduzierung des Scheitelwertes einer Flutwelle sein. Dazu sind auch Deichrückverlegungen im Gespräch, damit sich das Wasser weiter ausbreiten könnte. Die zur Diskussion stehende Rückverlegung von Deichen würde den Scheitel einer Hochwasserwelle um bis zu 14 Zentimeter reduzieren, weil die Elbe 140 Hektar zusätzlichen Raum bekäme. Der Artlenburger Deichverband hat dazu eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Beim NLWKN geht man davon aus, dass es noch Jahre dauern wird, die Situation zu entspannen. Zeit, die man in Lauenburg schon für Diskussionen ohne jede konkrete Planung braucht.

Schleswig-Holstein zieht sich zurück

Derweil warten die Lauenburger noch immer auf einen Schutz für ihre Altstadt. „Das dauert einfach alles zu lange hier“, beklagte Bauamtsleiter Reinhard Nieberg, der den Experten an Bord interessiert zuhörte. Tatsächlich ist es so, dass Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen ihre Maßnahmen koordinieren, um eine Senkung des höchsten Wasserstandes erreichen zu können. Davon würde man dann zwar auch in Schleswig-Holstein profitieren, doch die Vertreter der Landesbehörden sind auf eigenen Wunsch nicht voll in die Kooperation eingebunden. „Zwar ist jedes Bundesland für sein Gebiet verantwortlich, aber um im Hochwasserschutz erfolgreich zu sein, müssen wir länderübergreifend zusammenarbeiten“, erklärte Almut Kottwitz aus Hannover.

„Schleswig-Holstein hat sich zurückgezogen, weil man andere Prioritäten hat“, berichtete Heiko Warnecke vom NLWKN am Rande der Fachtagung. Aus Schleswig-Holstein waren so neben Lauenburgs Bauamtsleiter auch nur Bettina Kalytta, die Leiterin des Lauenburger Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes, sowie Daniela Esling von der Wasserbehörde des Kreises, als Gäste dabei – um Informationen von den Fachleuten zu erhalten. „Die aktuelle Situation ist extrem ärgerlich für uns, aber wir finden nicht einmal jemanden, der an dieser Misere Schuld ist. Es muss aber endlich losgehen“, so Nieberg.

Dass es endlich laufen muss, darin sind sich die anderen Anrainer und eingeladene Spezialisten der verschiedenen Länder einig. „Wir arbeiten jetzt schon drei Jahre zusammen und sind bereits sehr weit gekommen“, freute sich Kottwitz. „Es ist wichtig, dass die Länder zusammenarbeiten.“ Rainer Carstens vom NLWKN betonte: „Neue Berechnungen zeigen, dass noch mehr zu tun ist.“

Von Timo Jann