Zeichen der Verständigung und Freundschaft: Heike Düselder und der Gouverneur der Präfektur Tokushima, Kamon Iizumi, stehen vor dem Foto des Orchester im Kriegsgefangenenlager Bando. Foto: t&w

Ausstellung über japanisches Gefangenenlager Bando

Lüneburg. Ein zwanzig Kopf starkes Orchester mit Geigen und Blasinstrumenten, entspannt zurückgelehnte Männer in heller Freizeitkleidung, selbst gefertigte Töpferwaren und Holzspielzeug, eine eigene Zeitung, ein gewählter Bürgermeister – wer durch die Ausstellung „Begegnungen hinter Stacheldraht. Deutsche Kriegsgefangene im Lager Bando in Japan 1917 - 1920“ geht, tut sich mitunter schwer mit der Vorstellung, vor den Bildern und Exponaten eines Kriegsgefangenenlagers zu stehen. Gestern wurde die Sonderausstellung über das Lager Bando, dessen Nachwirken die Städtepartnerschaft zwischen Lüneburg und dem japanischen Naruto mit ausgelöst hat, im Lüneburger Museum eröffnet.

„Unser Bild von einem Kriegsgefangenenlager passt nicht zu dem, das wir aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder auch heute gewohnt sind“, bestätigt Museums-Direktorin Prof. Dr. Heike Düselder. Die Gründe dafür erkärt sie auch: Weil auch Japan 1907 die das Kriegsgeschehen regelnde Haager Landkriegsordnung mit unterzeichnet hat, fühlte sich das Land bei Eintritt in den Ersten Weltkrieg auch an dessen Vorgaben zur humanen Behandlung von Kriegsgefangenen gebunden.

Im November 1914, wenige Monate nach Kriegsbeginn, wurde Japan auf die Probe gestellt. Das Land, verbündet mit den Briten, hatte Deutschland den Krieg erklärt, weil es sich durch dessen Expansionsstreben in China massiv bedrängt sah. Deutschland hatte dort auf der Suche nach kolonialer Größe die Stadt Tsingtao besetzt. Als die Stadt fiel, kamen die Kriegsgefangenen ins Lager, vorübergehend zunächst in ein kleineres, ab April 1917 dann ins Lager Bando, in dem rund 1000 deutsche und österreichische Gefangene interniert waren. Im April 1920, fünf Monate nach Kriegsende, wurde das Lager aufgelöst, die Gefangenen durften zurück in ihre Heimat.

19 der dort Untergebrachten stammten aus Lüneburg

„Die Bedingungen dort waren wirklich human“, sagt Düselder. Weil zudem der Lagerkommandant Tayohisa Matsue als „sehr deutschaffin“ galt, gewährte er viele zusätzliche Freiheiten. „Und die nutzten die Gefangenen auch, denn eines durften sie nicht: arbeiten.“

Ergebnis des verordneten Nichtstuns waren äußerst kreative und produktive Tätigkeiten. So wurde eine Lagerzeitung verfasst, zahlreiche handwerkliche Tätigkeiten wurden ausgeübt, einige der bis heute erhaltenen Erzeugnisse sind als Exponate ausgestellt. Um ein wenig Heimat in die Fremde zu holen, wurde eigens ein Bürgermeister gewählt, selbst Molkerei- und Viehwirtschaft wurden betrieben. Auch das Schöngeistige kam nicht zu kurz: Weil es offenbar nicht nur talentierte Instrumentenbauer, sondern auch -spieler gab, formierte sich im Lager ein eigenes Orchester. Dessen Aufführung von Beethovens „Ode an die Freude“ am Ende der Lagerzeit sollte nicht nur ein Dank der Deutschen an die Japaner für deren humanitäre Behandlung sein, sie hat sich Jahre später auch als „zweite Nationalhymne“ Japans etabliert, die oft bei offiziellen Anlässen gespielt wird.

Rund drei Jahre wurde an der Ausstellung gearbeitet, mehr als 30 Leihgeber haben Exponate zur Verfügung gestellt, neben Japan Österreich und die Niederlande, aber auch die Stadt Lüneburg, die seit mehr als 40 Jahren die Städtepartnerschaft mit Naruto pflegt, zu der Bando heute gehört. Von den früheren Gefangenen stammen 19 aus Lüneburg.

Welche Bedeutung Bando heute hat, machte Staatssekretärin Birgit Honé bei der Eröffnung deutlich: „Aus den steinernen Brücken, die die deutschen Kriegsgefangenen in Bando errichtet haben, sind dank vieler Menschen in Deutschland und Japan lebendige Brücken der Gegenwart zwischen beiden Ländern entstanden.“

Von Ulf Stüwe

Bald Welterbe?

Eine besondere Aufwertung könnte die Dokumentation über das Kriegsgefangenenlager Bando im kommenden Jahr erhalten. Die japanische Präfektur Tokushima und das Land Niedersachsen wollen die Materialien als Weltdokumentenerbe bei der Unesco anmelden.

Im Mai soll der Antrag von Ministerpräsident Stefan Weil in Begleitung von Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge in Naruto unterzeichnet werden.