Montag , 21. September 2020
Eine S-Bahn fährt in Bleckede ab, das ist nur eine Fotomontage. Aber die S-Bahn im Kreis Lüneburg wäre für den Verkehrsexperten Peter Pez ein ­Königsweg gegen den Verkehrsinfarkt. Montage: ck

Per S-Bahn von Bleckede nach Lüneburg?

Lüneburg. Von Bleckede ins Zentrum von Lüneburg – ohne Stau, ohne Ampeln, ohne Parkplatzsuche. Eine Illusion? Eher eine Zukunftsvision, noch dazu eine realistische, wenn es nach Professor Dr. Peter Pez, Stadt- und Kulturraumforscher an der Uni Lüneburg, geht. Um den zunehmenden Verkehrsströmen in und um Lüneburg Herr zu werden, plädiert er für den Bau einer S-Bahn, die Lüneburg mit den größeren Gemeinden im Landkreis verbindet. Seine unkonventionelle Idee stellte er bei der Veranstaltung „Eine Stadt für alle“ vor.

Mehr Lebensqualität durch nachhaltige Stadt- und Verkehrsplanung

„Wir brauchen eine S-Bahn, anders wird es nicht gehen“, ist Pez überzeugt. Auf Einladung des Instituts für Stadt- und Kulturraumforschung der Leuphana und der Initiative Brockwinkel sprach er an der Uni darüber, wie durch nachhaltige Stadt- und Verkehrsplanung mehr Lebensqualität geschaffen werden kann.

Lüneburg werde den zunehmenden Individualverkehr, der an den Rändern der Stadt und in den umgrenzenden Gemeinden durch immer mehr Wohngebiete entstehe, nicht verkraften können. Der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sei wichtig, allein durch zusätzliche Buslinien und Pedelecs aber sei das Problem nicht zu stemmen. „Man wird Pendler aus den Nachbargemeinden bei den viel zu langen Fahrzeiten nicht dafür gewinnen können, sich in einen Bus zu setzen“, sagt Pez. Deshalb komme man um eine S-Bahn, die Pez zwischen Bleckede und Lüneburg, aber auch nach Amelinghausen oder gar bis Soltau pendeln sieht, nicht herum.

Suburbanisierungstüren zu Hamburg geöffnet

Der Professor zeigt noch ein weiteres Problem auf: „Wir haben leider die Suburbanisierungstüren zu Hamburg geöffnet.“ Er meint damit die Möglichkeiten für Hamburger, ihren Wohnort relativ bequem nach Lüneburg und Umgebung verlagern zu können. Zwar gebe es den Metronom, „und der ist auch gut, aber es gibt auch die Autobahn, und das ist schlecht“. Denn noch immer könnten Pendler mit ihren Autos bequem in die Elb-Metropole gelangen. Es komme also darauf an, das Auto gar nicht erst bis zur Fahrt nach Lüneburg nutzen zu müssen. Allerdings räumt Pez ein, dass auch der Metronom an seine Grenzen gekommen sei.

„Wir brauchen den Lückenschluss“, empfiehlt Pez, meint damit aber nicht die A39, sondern das Schließen von Lücken auf wichtigen Radfahrstrecken in Lüneburg. Damit könnten Alternativrouten jenseits der Hauptverkehrsadern entstehen, die nicht nur deutlich schneller ans Ziel führten, sondern auch weit ab vom Autoverkehr verlaufen.
Vorschläge für den Einklang von Wohnen und Mobilität hat auch Anja Friedrichs vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Sie plädiert für autofreie Siedlungen oder „shared spaces“, also Räume, in denen sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt bewegen können.

Lüneburgs Verkehrsdezernent Markus Moßmann wirbt derweil um Verständnis, dass die Stadt, die schon viel für Radfahrer tue, nur für ihr Gebiet planen könne, „auch wenn wir natürlich Gespräche mit Nachbargemeinden führen“. Die neuen Möglichkeiten zur Einrichtung von Tempo-30-Zonen, die der Bund geschaffen habe, wolle die Stadt aber verstärkt nutzen.

Von Ulf Stüwe