Marlies Stock (l.) und Lilith Müller-Petersen hoffen auf neue „Chefs“ für die Telefonkette. Foto: us

Sicherheitscheck: Senioren richten Telefonkette ein

Lüneburg. „Das ist so harmonisch, das glauben Sie gar nicht!“ Marlies Stock kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn sie von ihren morgendlichen Anrufen berichtet. Jeden Tag außer an Sonntagen greift die 68-Jährige zum Telefon, ruft pünktlich um 7.10 Uhr eine der vier Mitglieder an, die sich vor zwei Jahren im Treffpunkt „Parlü“ am Kreideberg zu einer Telefonkette zusammengeschlossen haben. Die Idee kommt bei den Senioren gut an, so gut, dass nun ein weiterer „Kettenchef“ gesucht wird.

„Den Begriff mag ich gar nicht, und er passt auch nicht“, sagt Marlies Stock, die sich als ganz normalen Teil ihrer Gruppe betrachtet. Einziger Unterschied: Sie ist die Erste in der Telefonkette, die morgens zum Hörer greift und das tägliche Anrufritual in Gang setzt, und zugleich die Letzte, bei der die Kette wieder endet. „Es geht darum, dass man fragt, ob alles in Ordnung ist, das ist alles“, sagt die agile Seniorin. Danach ruft der jeweils Angerufene beim nächsten an und so weiter, bis die Gruppe durchtelefoniert ist. Der Letzte meldet sich dann wieder bei ihr, die Kette ist geschlossen.

Vorfall in der Nachbarschaft war Auslöser für Initiative

Die Idee zu der Telefonkette kam ihr vor drei Jahren, sie hatte gerade ihr Berufsleben hinter sich und lebte damals bereits allein. „Mir wurde dann recht bald deutlich, dass mich vermutlich so schnell keiner vermissen würde, wenn mir in der Wohnung etwas passiert.“ Das sei anders, wenn man täglich ins Büro oder in ein Unternehmen ginge, „da sind dann Kollegen, denen das auffällt“. Zwar hatte sie einen solchen Kontrollanruf auch schon mal mit Nachbarn vereinbart, „aber die junge Familie hatte Kinder, und irgendwann blieb das bei dem Tagesstress dann aus“. Und einen professionellen Dienst mit Notfallknopf wollte sie noch nicht.

Konkreter Auslöser war dann ein Vorfall in ihrer unmittelbaren Umgebung. Eine Nachbarin hatte einen Schlaganfall erlitten und lag zwei Tage in ihrer Wohnung. „Zum Glück lebte sie noch. Aber mir wurde klar, dass ich etwas tun musste.“

Im Parlü, das sie aus Spielkreisen bereits gut kannte, stellte sie ihre Idee vor und stieß dort auch gleich auf Interesse. Schließlich kam man in einer Vierer-Gruppe, darunter drei Frauen, zusammen, das habe sich als besonders praktikabel erwiesen, „so sind wir dann nach 20 Minuten durch“. Die Gespräche dauern nie länger als vier Minuten, denn die Anrufe müssen pünktlich zu der zuvor fest vereinbarten Zeit stattfinden, „sonst machen sich die anderen Sorgen“, berichtet die 68-Jährige. Sollte einmal doch etwas passiert sein und einer aus der Kette nicht ans Telefon gehen, wird eine zuvor benannte Vertrauensperson des Betreffenden angerufen, „die entscheidet und regelt dann alles Weitere. Man übernimmt also keine Verantwortung, das ist wichtig.“

Parlü hofft auf weitere „Kettenchefs“

Einen ernsthaften Vorfall habe es zum Glück noch nicht gegeben, berichtet Marlies Stock, „aber einmal kam schon Panik auf“. Da sei einer nicht ans Telefon gegangen. Später stellte sich heraus, dass das Telefon gestört war. Dass ihre Telefonkette stets um 7.10 Uhr beginnt, habe sich so ergeben, „darauf haben wir uns in der Gruppe geeinigt, das kann man aber auch genauso gut am Abend machen“. Und wer in den Urlaub fährt, meldet sich vorher einfach ab.

Weil sie die Erste und Letzte in der Runde ist und die Liste mit den Kontaktdaten hat, wird sie liebevoll „Kettenchef“ genannt. Dass sie morgens die 20 Minuten zu Hause ist, störe sie nicht. „Ich bin das frühe Aufstehen gewohnt. Und den ersten und letzten Anruf erledige ich zwischen Zähneputzen und Kaffeekochen“, sagt sie und lacht.

Weil das Interesse an einer weiteren Telefonkette groß ist, sucht Lilith Müller-Petersen, die nach ihrem Studium im Parlü gerade ihr Berufspraktikumsjahr absolviert, weitere „Chefs“. Interessenten können sich unter (04131) 603760 melden. Marlies Stock kann jeden nur ermutigen, eine solche Gruppe zu übernehmen: „Es ist nicht nur sehr harmonisch, es gibt mir auch unheimlich viel Sicherheit.“

Von Ulf Stüwe